Rhöndorfer Ausgabe Online
An Johannes Albers
, KölnStBKAH 08.11
Sehr geehrter Herr Albers!
Das Ergebnis der Betriebsratswahlen im Bergbau1 erfüllt mich mit ernster Sorge. Es ist eine augenscheinliche Niederlage der Sozialausschüsse und damit der CDU. Ich darf mir gestatten, Ihnen mitzuteilen, daß ich schon wiederholt aus einsichtsvollen Arbeitnehmerschichten unserer Partei darauf aufmerksam gemacht worden bin, daß in den Betrieben selbst von der Tätigkeit der Sozialausschüsse oder ihrer Vertrauensleute nichts zu spüren sei. Diese Klagen habe ich besonders von Arbeitnehmern in Köln gehört, auch von Arbeitnehmern der Stadt Köln. Ich hatte bisher diesen Klagen kein besonderes Gewicht beigelegt. Sie scheinen sich aber nunmehr als richtig zu bestätigen. Ich bitte Sie, die Organisation und die Tätigkeit der Sozialausschüsse einer ernsten Nachprüfung zu unterziehen. Die Partei hat bisher den Sozialausschüssen die Zusammenfassung und die Aufklärung der Arbeitnehmer in parteipolitischer Hinsicht völlig überlassen. Ich glaube nicht, daß wir das in Zukunft noch weiter werden verantworten können. Es wurde mir gegenüber zum Ausdruck gebracht, daß die Sozialausschüsse zwar große öffentliche Kundgebungen veranstalteten, daß es aber an der viel notwendigeren Kleinarbeit durchaus fehle.
Ich wurde weiter noch auf einen anderen Umstand hingewiesen:
Man sagte mir, daß gewisse Tendenzen innerhalb der Leitung der Sozialausschüsse sich mit dem Ahlener Programm nicht vereinbaren ließen, daß dadurch Unklarheit geschaffen werde, die sich sehr verderblich unter den Arbeitnehmern auswirke.
Ich bitte sie, zu prüfen, ob Sie trotz dieses Mißerfolges, den die Betriebsratswahlen im Industriegebiet und im Braunkohlengebiet gebracht haben, die geplante Kundgebung Ende November abhalten wollen2. Dabei bitte ich auch zu berücksichtigen, daß, wie Herr Landtagspräsident Gockeln mir mitteilte, an den gleichen Tagen, die Sie in Aussicht genommen hatten, Landtagssitzungen in Düsseldorf sind. Was das von Ihnen skizzierte Programm angeht, so bitte ich Sie, davon absehen zu wollen, Herrn Lemmer als Redner auftreten zu lassen. Herr Lemmer genießt schon lange in weiten Kreisen der CDU ein besonderes Mißtrauen. Unsere Parteifreunde in Bremen, die bisher immer zu Herrn Lemmer gehalten haben, haben bei mir bittere Klage über ihn geführt wegen seiner Reden und seines Auftretens bei dem jüngsten Wahlkampf in Bremen. Ich befürchte von der Herausstellung des Herrn Lemmer bei einer solchen Veranstaltung, wie der von Ihnen geplanten, eine schwere Schädigung für unsere gesamte Partei.
Was Herrn Kaiser angeht, so wissen Sie, wie sehr ich Herrn Kaiser wegen seines mannhaften Auftretens gegenüber den Russen und seiner nationalen Gesinnung achte und schätze. Dagegen befindet sich Herr Kaiser mit seinen Ansichten über Sozialismus nicht im Einklang mit der überwiegenden Mehrheit unserer Partei. Eine von der CDU Berlin vor kurzem versandte Broschüre »Unser Sozialismus - Die Frage der Zeit«3 hat das von neuem klar erwiesen.
Bestätigt wurde das durch die Besprechung, die ich vor kurzem mit Fräulein Nebgen gehabt habe. Daß aber die kommende Zeit nicht dem Sozialismus gehören wird, das zeigen völlig klar für jeden einsichtigen Politiker die Wahlen in Italien, in Frankreich und auch die Gemeindewahlen in England4. Ich bitte Sie daher, wenn Sie Herrn Kaiser als Redner einer so großen Kundgebung der CDU-Arbeiterschaft auftreten lassen wollen, mit ihm vorher klarzustellen, daß er nichts sagt, was dem Ahlener Programm widerspricht. Das Ahlener Programm ist und bleibt die offizielle Stellungnahme der CDU der britischen Zone zur Frage des Sozialismus und der Sozialisierung. Wenn Herr Kaiser in seinen Ausführungen über das Ahlener Programm hinausgehen würde, würde ich gezwungen sein, mich dagegen zu wenden, weil ich als Vorsitzender der CDU der britischen Zone nicht zugeben kann, daß unsere Linie umgebogen oder gebrochen wird.
Ich bitte Sie, mir nicht übel zu nehmen, daß ich so offen und klar zu Ihnen spreche, aber die Bedeutung der ganzen Angelegenheit für unsere Partei zwingt mich hierzu.
Leider kann ich Ihnen nicht Montag oder Dienstag zu einer Aussprache zur Verfügung stehen, da die Krankheit meiner Frau sich derartig verschlimmert hat, daß ich nicht abkömmlich bin.
Mit vielen Grüßen
Ihr ergebener
(Adenauer)
Das Mitte November 1947 bekanntgegebene endgültige Ergebnis der Betriebsratswahlen in den Bergwerken des Ruhrgebiets: SPD 617 Mandate, KPD 417, CDU 185, Parteilose 114; vgl. Christoph Kleßmann /Peter Friedemann, Streiks und Hungermärsche, S. 66-73.
Auf die Kandidatengruppe der Parteilosen wies Albers in seinem Antwortschreiben vom 4.11.1947 besonders hin; ihr gehörten zahlreiche CDU-Sympathisanten an, so dass sich der Gesamteindruck (besonders im rheinisch-westfälischen und im Kölner Braunkohlenrevier) zugunsten der Union verschiebe; im übrigen habe das praktizierte Mehrheitswahlrecht bewirkt, dass die CDU »nicht die ihr zustehenden Kandidaten erhielt«; vgl. das Schreiben an Johannes Albers vom 7.11.1947.
Zur hiermit angesprochenen Tagung der CDU-Sozialausschüsse in Herne vgl. Anm. 1 im Schreiben an Johannes Albers vom 27.11.1947, zur nachfolgend erörterten Teilnahme Berliner Vertreter (unter Verwendung dieses Adenauer-Briefs) Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 187f., 279.
Eine von drei – vor dem Parteitag erschienenen – »Flugschriften« der CDUD: ›Unsere Demokratie. Die Politik der Zeit‹, ›Unser Sozialismus. Die Frage der Zeit‹, ›Unsere christliche Politik. Die Forderung der Zeit‹. Die von Adenauer inkriminierte Schrift enthält unter anderem die Forderung nach »gemeinwirtschaftlich gebundenen Unternehmungen« (»in denen der Staat im Aufsichtsrat entscheidend vertreten ist und die Betriebsleitung ernennt oder bestätigt«).
Vgl. AdG Jg. 16/17 (1946/47), S. 1221, 1231, 1267f.