Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

20. Mai 1947 (Köln)

An Studienrat Carl Schröter

, Kiel

StBKAH 08.57, ohne Ortsangabe beim Datum, nach Diktatzeichen »Dr. A./Ne.« im Zonensekretariat Köln angefertigt


Lieber Herr Schröter!

Das Wahlergebnis in Schleswig-Holstein gibt mir noch immer zu denken1. Die Flüchtlinge haben SPD gewählt. Die Schlußfolgerung ist also, daß wir unsere Flüchtlingsarbeit ganz besonders intensivieren müssen. Vielleicht wird es nützlich sein, sich die amtierenden Gemeinderäte einmal auf ihre Haltung gegenüber den Flüchtlingen anzusehen. Wo hier Schönheitsfehler sind, könnten diese bei den Gemeindewahlen im Herbst2, wo ein Drittel der Vertreter neu zu wählen ist, gut ausgemerzt werden. Herr Dr. Löns bringt von der Königsteiner Tagung der Landesgeschäftsführer der britischen und amerikanischen Zone eine Anregung mit. Die CSU in Bayern gibt ein eigenes Mitteilungsblatt für Flüchtlinge heraus. Dieses Mitteilungsblatt braucht nicht sehr umfangreich zu sein.

Es genügten vier Seiten etwa alle drei Wochen. Vielleicht hat der Landesverband Schleswig-Holstein wie auch die übrigen Landesverbände noch eine gewisse Reserve aus dem Wahlpapier. Das Mitteilungsblatt sollte sich mit allen praktischen Fragen des Vertriebenendaseins befassen. Es sollte insbesondere jeweils alle behördlichen Verfügungen, Verordnungen und amtlichen Mitteilungen, die sich auf die Flüchtlinge beziehen, veröffentlichen und deren Auswirkungen erläutern. Parteipolitische Gesichtspunkte brauchten gar nicht einmal so stark hervorzutreten. Gewürzt werden könnte das Blättchen mit Meldungen aus der alten Heimat, mit sorgfältiger Registrierung aller Diskussionsstadien bezgl. der Oder-Neiße-Linie, und zwar innen- und außenpolitisch.

Die Bayern haben mit einem Mitteilungsblatt in dieser Art sehr gute Erfahrungen gemacht und große Erfolge bei den Flüchtlingen erzielt. Es würde mich sehr interessieren, Ihre Ansicht dazu zu hören.

Herr Dr. Löns berichtete mir übrigens von der Königsteiner Tagung noch, daß in einigen Bezirken Süddeutschlands bei den Gemeindewahlen Kandidaten auf der Liste der CDU aufgestellt wurden und sich wählen ließen, die sich nachher weigerten, der Partei beizutreten. Dasselbe soll dort bei einigen Bürgermeistern und Landräten der Fall sein. Ich könnte mir vorstellen, daß in Schleswig-Holstein, welches eine ähnliche Struktur wie jene süddeutschen Bezirke hat, Ähnliches vorgekommen ist. Falls dies zutreffen sollte, würde ich es für richtig halten, auch diese Dinge bei den Herbstwahlen zu bereinigen.

Ich wünsche Ihnen und Ihrer Familie ein frohes Pfingstfest.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr


  1. ^

    Aus den am 20.4.1947 durchgeführten Landtagswahlen in Schleswig-Holstein war die SPD als Sieger hervorgegangen. Das Ergebnis: SPD 43,8 %, CDU 34,0%, FDP 5,0 %, KPD 4,7 %, Zentrum 0,1 %. Zur Bewertung des Ergebnisses und zur anschließenden Regierungsbildung in Schleswig-Holstein und Niedersachsen vgl. die Schreiben an Hubert Becher vom 28.4.1947, an William Asbury vom 2.5.1947 und an Carl Schröter vom 20.5.1947. Adenauer stützt sich im nachfolgenden weitgehend auf eine Analyse des schleswig-holsteinischen Wahlergebnisses, die ihm am 24.4. 1947 der Hauptschriftleiter der ›Hamburger Allgemeinen Zeitung‹, Rolf Seutter van Loetzen, übermittelt hatte. Adenauers Dankschreiben vom 3.5.1947 enthält den Hinweis, dass er »Ihre Auseinandersetzung…, ohne Ihren Namen zu nennen, als Material verwenden werde.«

  2. ^

    Diese nach englischem Vorbild vorgesehene teilweise Neuwahl der Gemeindevertreter und Kreistagsabgeordneten kam nicht zustande; die nächsten Stadt- und Landkreiswahlen in Schleswig-Holstein und Nordrhein-Westfalen fanden im Oktober 1948 statt.