Rhöndorfer Ausgabe Online
An Erzbischof Josef Kardinal Frings
, Köln-BayenthalStBKAH 07.14
Sehr verehrte Eminenz!
Die beiden anliegenden Schriftstücke werden z. Zt. verbreitet, soviel ich feststellen kann, von kommunistischer Seite1. Vielleicht können Sie noch vor Ihrer Abreise nach Kanada2 überlegen, ob etwa durch Artikel in der Presse Aufklärung darüber gegeben werden kann, daß die Österreicher und die österreichischen Bischöfe im Jahre 1938 über die wirklichen Verhältnisse und Absichten Hitlers in keiner Weise informiert gewesen sind.
Die Schriftstücke sind mir nur leihweise gegeben worden. Ich darf sie wohl daher am 9. d. Mts. wieder abholen lassen.
Ich habe gestern an den Vorsitzenden der Zentrumsfraktion des Landtags von Nordrhein-Westfalen geschrieben und ihm vorgeschlagen, für den Fall, daß die Bildung einer sich auf alle Parteien stützenden Regierung scheitern sollte, zusammen mit der CDU eine Regierung zu bilden3. Ich habe darauf hingewiesen, daß die in ihrer Mehrheit christlich eingestellte Bevölkerung von Nordrhein-Westfalen eine auf christlichem Boden stehende Regierung und Mehrheit und eine ebensolche Mehrheit im Landtag gerade bei den Verfassungsarbeiten begrüßen würde und daß infolge der Schaffung des Wirtschaftsrates für die beiden Zonen die wirtschaftlichen Angelegenheiten in den Länderparlamenten an Bedeutung verlieren würden4. Ich bitte Sie, von dieser meiner Meinung entsprechenden vertraulichen Gebrauch zu machen.
Es erscheint mir sehr unwahrscheinlich, daß ein auf alle Parteien sich stützendes Kabinett zustande kommt, da die SPD sich anscheinend unter keinen Umständen von der KPD trennen will und dadurch die KPD und die SPD gemeinsam zu recht radikalen Forderungen kommen, die zwar Herr Arnold glaubte vertreten zu können, die aber eine überwältigende Mehrheit unserer Fraktion abgelehnt hat.
Ich wünsche Ihnen eine gute Reise nach Kanada und einen vollen Erfolg.
Ich bin mit recht herzlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)
Wie generell bei der Korrespondenz mit Frings aus diesem Zeitraum (vgl. die Schreiben an Josef Kardinal Frings vom 9.2.1947, vom 26.3.1947 und vom 12.5.1947), so sind auch in diesem Fall (Anschreiben), Antworten oder Anlagen in StBKAH nicht erhalten. Bei dem hier übermittelten Material handelt es sich möglicherweise um Unterlagen, die Hans von Raumer kurz zuvor Adenauer persönlich überreicht hatte (»… sind Sie selbstverständlich berechtigt, dem Kardinal die Schriftstücke zur Verfügung zu stellen …«; Schreiben von Raumers vom 6.6.1947 [StBKAH 07.16]).
Zur Kanadareise des Kardinals (Teilnahme am Internationalen Marianischen Kongress in Ottawa) vgl. dessen Erinnerungen (Für die Menschen bestellt, S. 90-94).
Hierzu, unter Verwendung dieses Briefes, Rudolf Morsey, Adenauer und Kardinal Frings, S. 492.