Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

6. Dezember 1946 (Rhöndorf)

An Dr. Heinrich Vockel

, Berlin-Wilmersdorf

StBKAH 08.56


Sehr geehrter Herr Vockel!

Ich danke Ihnen sehr für Ihren Brief vom 26. v. Mts. Ich darf zunächst folgendes vorausschicken:

Die Mitteilung des DPD habe ich erst vor wenigen Tagen selbst gelesen. Sie entsprach in keiner Weise dem, was ich dem DPD mitgeteilt habe, insbesondere habe ich nicht irgendwie gesagt oder nur angedeutet, daß die Frage der Sozialisierung der Schwerindustrie im Ruhrgebiet die Politiker der anderen Zonen nichts angehe1. Es handelt sich um eine deutsche Angelegenheit, die jeden Deutschen angeht! Allerdings bin ich nach wie vor der Auffassung, daß man ‹in der öffentlichen Beurteilung›2 einer solchen Frage wie dieser zunächst den unmittelbar davon Betroffenen, die ja auch dann den Verhältnissen am nächsten stehen, den Vortritt lassen sollte oder daß man sich wenigstens vorher mit ihnen in Verbindung setzen und sie um ihre Meinung befragen sollte; denn sie sind vielleicht eher in der Lage, die wirklichen Gründe bei solchen Vorschlägen der Engländer zu beurteilen und zu überschauen.

Was die Frage der zukünftigen Zentrale angeht, so hatte ich seinerzeit mit Herrn Kaiser, Berlin, abgesprochen, daß diese Frage nicht weiter in der Öffentlichkeit von einer Seite erörtert werden sollte3. Ich mußte dann allerdings erleben, daß schon wenige Wochen nach unserer Absprache in der »Neuen Zeit« ein 1 1/2 Spalten langer Artikel erschien, der sich restlos für Berlin als künftige Hauptstadt aussprach4. Auch in der Folge ist dieser Anspruch von der »Neuen Zeit« bei verschiedenen Gelegenheiten erhoben worden. Ich gehe wohl nicht fehl mit der Annahme, daß man die »Neue Zeit« als das Sprachrohr von Herrn Kaiser bezeichnen kann. Es kam hinzu, daß gerade in Frankfurt, als ich dort sprach, die Frage der zukünftigen Hauptstadt sehr stark erörtert wurde5, und zwar hatte sich darüber ausgesprochen in einem Berlin abträglichen Sinne Herr Professor Schmid, Tübingen, SPD.

Ich bitte Sie, noch folgendes zu berücksichtigen6:

Gewisse Vorgänge in der Berliner Christlich-Demokratischen Union und Äußerungen Herrn Kaiser's wirken auf die Union der britischen Zone geradezu wie Sprengpulver. Wir haben bisher in der Union der britischen Zone völlig geschlossene Meinung zwischen allen Schichten und allen Ständen gehabt. Aber gerade Äußerungen von Herrn Kaiser über die Synthese Ost–West, über den sozialen Wind aus Osten, der nach Westen wehen müsse, seine vorbehaltlose Zustimmung zu den Verstaatlichungsplänen der Engländer, die hier nicht einmal in Nordrhein-Westfalen von den Sozialdemokraten gebilligt werden, drohen eine Spaltung in unserer Partei herbeizuführen. Ich mußte deshalb in der Öffentlichkeit dazu ein Wort sagen, im Interesse des Bestandes der Partei der Christlich-Demokratischen Union in der britischen Zone.

Über diesen ganzen Fragenkomplex ist ein mündlicher Austausch ja das allerbeste, und so freue ich mich, wenn Sie demnächst nach dem Westen kommen und mich dann hoffentlich – nach vorheriger telefonischer Verständigung (Honnef/Rhein 867) – besuchen werden7.

Ich meine zum Schluß, sehr geehrter Herr Vockel, daß es richtig sei, zunächst in dem von Ihnen gewünschten Sinne einer vorherigen Verständigung sich an Herrn Kaiser zu wenden. Vielleicht haben Sie das auch bereits getan. Denn von ihm aus sind ja diese Fragen zunächst in die Öffentlichkeit hineingebracht worden, ohne daß er eine Verständigung mit den anderen führenden Politikern herbeigeführt hätte.

Mit vielen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Vgl. Anm. 5 des Schreibens an Hermann Katzenberger vom 6.12.1946.

  2. ^

    ‹ › hs. von Adenauer eingefügt.

  3. ^

    Vgl. das Schreiben an die Teilnehmer eines bizonalen CDU/CSU-Treffens in Stuttgart vom 8.4.1946.

  4. ^

    Vgl. das Schreiben an Jakob Kaiser vom 24.5.1946.

  5. ^

    In seiner Frankfurter Rede vom 10.11.1946 hatte Adenauer einen deutschen Bundesstaat mit Frankfurt/Main als Hauptstadt gefordert; hierzu zahlreiche zeitgenössische Zeitungsmeldungen, unter anderem in: ›Rheinischer Merkur‹ vom 15.11.1946, S. 2. Zu der wegen dieser Rede entbrannten innerparteilichen Kontroverse vgl. die Ausführungen Friedrich Holzapfels vor dem CDU-Zonenausschuss am 17./18.12.1946 (Druck: Helmuth Pütz [Bearb.], Konrad Adenauer, S. 234) und Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 120; vgl. auch das Schreiben an Hans Schmitt vom 22.12.1946.

  6. ^

    Zum nachfolgenden, unter Verwendung dieses Briefes, Rudolf Morsey, Konrad Adenauer und die Gründung, S. 106 f.

  7. ^

    Vgl. das Schreiben an Jakob Kaiser vom 13.1.1947.