Störer Jahresbericht

Rhöndorfer Ausgabe Online

8. April 1947 (Rhöndorf)

An Stadtdechant Robert Grosche

, Köln

StBKAH 07.14, Abschrift an Erzbischof Josef Kardinal Frings, Köln-Bayenthal


Sehr verehrter Herr Stadtdechant!

Auf Ihren Brief vom 28.3.471 erlaube ich mir, nach reiflicher Überlegung folgendes zu erwidern:

Ich bedauere, daß Sie sich meinen Ausführungen zu Punkt 2) nicht glauben anschließen zu können. Ich führe das darauf zurück, daß Sie eben aus eigener Wissenschaft die Vorgänge der entscheidenden Jahre nicht kennen können, ebenfalls übrigens auch nicht Herr Kroll, und daß Sie anscheinend durch Herrn Scheler nicht richtig unterrichtet sind. Ich darf daher meine Ausführungen noch etwas ausführlicher wiederholen: Im Jahre 1917 bin ich Oberbürgermeister der Stadt Köln geworden. Ich habe damals sofort den Entschluß gefaßt, alles, was in meinen Kräften stehe, zu tun, damit Köln eine Universität erhalte, und zwar wollte ich eine Voll-Universität mit allen Fakultäten. Daß die Universität Bonn und im Einklang mit ihr das Preußische Kultusministerium einem solchen Plane unfreundlich gegenüberstehen würden, war selbstverständlich. In Übereinstimmung mit Herrn Geheimrat Eckert ging ich damals darauf aus, eine Reihe von Instituten wissenschaftlichen Charakters zu schaffen, die Keimzellen der zukünftigen Fakultäten sein sollten, so daß die zukünftigen Fakultäten schon vor der offiziellen Errichtung der Universität wenigstens im Keime vorhanden sein sollten. Die Stadtverordneten standen dem Plane der Errichtung einer Kölner Universität durchweg bis zuletzt ablehnend gegenüber. Ich konnte also auch sie nicht in diese Pläne einweihen. Da schon damals beim Ausgang des Krieges die soziale Frage eine sehr große Rolle spielte, habe ich die Gründung eines sozialwissenschaftlichen Instituts in die Wege geleitet, das für mich die Keimzelle der zukünftigen philosophischen Fakultät darstellen sollte. Herrn Scheler habe ich an dieses berufen als katholischen Philosophen, der in der zukünftigen philosophischen Fakultät diesen Lehrstuhl bekleiden sollte. Herr Scheler war mir hierfür von dem früheren Hauptredakteur der Kölnischen Volkszeitung, Dr. Höber, besonders empfohlen worden. Er fiel ja nach seinen ganzen Arbeiten aus dem Rahmen des sozialwissenschaftlichen Instituts völlig heraus. Seine Berufung erfolgte im Hinblick auf die zukünftige, ihm zugedachte Tätigkeit.

Ich habe meine Pläne im allerersten Stadium auch mit dem damaligen Erzbischof von Hartmann besprochen. Er hat mir damals die Errichtung einer katholisch-theologischen Fakultät zugesagt. Sie sollte bestimmt sein für die zweite Hälfte des theologischen Studiums. Die erste Hälfte sollte in Bonn absolviert werden. Kardinal von Hartmann hat sich seinerzeit auch mit der Berufung Scheler's mir gegenüber mündlich einverstanden erklärt. Ich habe die Berufung Scheler's mit ihm besprochen im Hinblick auf seine demnächstige Verwendung als katholischer Philosoph. Die Entwicklung Scheler's war dann ganz anders, als wir angenommen hatten. Ich habe in einer langen Unterredung, die ich mit ihm vor seiner Berufung an das Institut hatte, von ihm den Eindruck bekommen, daß er innerlich völlig schwankend und ungefestigt sei. Ich erinnere mich, Herrn Höber damals gesagt zu haben, Herr Scheler wisse selbst nicht, wo er einmal endigen werde. Herrn Höber ist es aber dann gelungen, meine Bedenken zu zerstreuen, so daß ich Scheler berufen habe. Die spätere Entwicklung Scheler's hat mir Recht gegeben. Er hat sich fast von Anfang an in allem als völlig unzuverlässig erwiesen. Fest stand schon nach ganz kurzer Zeit für alle, die ihn näher kannten, daß er tatsächlich nicht mehr einwandfrei auf katholischem Boden stand. Was Herder's Konservations-Lexikon darüber sagt, kann daran nichts ändern2.

Fest stand auch schon bald nach der Begründung der Kölner Universität, daß er den katholischen philosophischen Lehrstuhl nicht werde bekleiden können. Aus diesem Grunde ist dann, sobald ein Lehrstuhl durch den Weggang des Herrn Driesch frei geworden war, Herr Arthur Schneider berufen worden.

Ich bitte Sie, folgendes als absolut zutreffend zur Kenntnis zu nehmen: Es war von Anfang an die Absicht, neben den liberalen Philosophen einen Philosophen katholischer Weltanschauung nach Köln zu berufen. Diese Absicht ist möglicherweise niemals schriftlich niedergelegt worden. Das ändert aber nichts an der Tatsache, daß diese Absicht immer bestanden hat.

Ich bin der Auffassung, daß man das Verbleiben des Herrn Scheler als Direktor im Institut für Sozialwissenschaften nicht mit den heutigen Vorgängen irgendwie in Parallele stellen kann. Herr Scheler war ja auf Lebenszeit angestellt.

Professor Theodor Brauer ist an das Institut berufen worden im Jahre 1928 und lediglich an dieses, weil er kein Philosoph war.

Wenn ich von Herrn Heiss als einem ziemlich unbekannten Manne gesprochen habe, so habe ich damit gemeint, daß er, wenigstens nach meinen Erkundigungen, in philosophischen Kreisen ziemlich unbekannt geblieben ist.

Vielleicht finden wir nach den Wahlen, wenn ich dann etwas mehr Zeit haben sollte, die nötige Muße, um über die ganzen Vorgänge mündlich zu sprechen.

Abschrift meines Briefes habe ich S. Eminenz übersandt.

Mit freundlichen Grüßen
Ihr sehr ergebener
(Adenauer)


  1. ^

    Grosche hatte Adenauers Darlegungen zur Frage der Kölner Philosophieprofessur (vgl. die Schreiben an Robert Grosche vom 25.3.1947 und an Josef Kardinal Frings vom 26.3.1947)  – »abgesehen von Punkt 1.« – ergänzt und aus seiner Sicht korrigiert.

  2. ^

    Grosche unter Berufung auf das Konversationslexikon ›Der große Herder‹ (Bd. 10, Freiburg/Breisgau 4 1935, S. 876): Scheler habe sich »seit 1923 im scharfen Gegensatz zur katholischen Weltanschauung« befunden.