Rhöndorfer Ausgabe Online
An Major N.B.J. Huijsmans
, BerlinStBKAH 07.20, mit ms. Briefkopf »Mitglied des Zonenbeirats«, mit hs. Von Adenauer korrigiertem Entwurf auf Kopfbogen des CDU-Zonenausschusses vom 15.3.1948
Sehr geehrter Herr Major Huijsmans!
Die Herren Dr. Lehr und Dr. Six berichteten mir über die Besprechung mit Ihnen in Gegenwart von Herrn General Bishop in Hamburg am 24.2.19481. Es wurde mir insbesondere berichtet, daß Sie selbst erklärt hätten, daß man mir bereits vor 1 1/2 Jahren die Lizenz für die CDU-Halbmonats-Hefte versprochen habe. Ich halte es doch für notwendig, daß ich Ihnen in beiliegender Aktennotiz noch einmal kurz die Vorgänge in den letzten 1 1/2 Jahren ins Gedächtnis rufe. Herr Dr. Holzapfel und ich legen den allergrößten Wert darauf, daß diese Angelegenheit nunmehr endlich zur Entscheidung gebracht wird, nachdem sie bereits seit Herbst 1946 schwebt. In diesem Falle wäre es wirklich wünschenswert, wenn die britische Militär-Regierung noch die Lizenzierung vornähme, nachdem wir nunmehr 1 1/2 Jahre lang hingehalten worden sind. Die Herausgabe der Zeitschrift hat nur dann noch Zweck, wenn sie vor der Währungsreform erfolgt, weil sich nachher eine solche Zeitschrift nur sehr schwer einführen läßt.
Zur Lizenzierung überparteilicher Zeitungen höre ich durch die Herren Dr. Lehr und Dr. Six, daß die britische Militär-Regierung zwei Blätter im Rheinland herausgeben lassen will, welche der Arbeiterbewegung nahestehen sollen, und zwar ein sozialistisches Blatt und ein Blatt, welches der christlichen Arbeiterbewegung verbunden sei. In diesem Zusammenhang war es für mich auch interessant zu erfahren, daß die Zeitung, die Herr Kaiser in Berlin bekommen soll, hauptsächlich in der britischen Zone verbreitet werden soll2. Ich bin nicht der Ansicht, daß damit unseren Beschwerden der letzten 1 1/2 Jahre Genüge geschehen ist, daß der sozialdemokratische »Telegraf« in Berlin in besonderer Weise auch in der britischen Zone von der britischen Militär-Regierung gefördert werde. Im übrigen halte ich es aus grundsätzlichen wie aus sachlichen Gesichtspunkten nicht für glücklich, daß die britische Militär-Regierung den Anschein erweckt, als ob sie eine bestimmte Strömung in der CDU durch diese Pressepolitik besonders begünstigen wolle.
Da die Militär-Regierung die Papierzuteilung völlig in der Hand hat, kann nur zu leicht in der deutschen Bevölkerung der Glaube aufkommen, daß sie auf diesem Wege bestimmte Parteien oder in vorliegendem Falle innerhalb einer Partei eine bestimmte Richtung begünstige. Ich glaube, es sollte alles vermieden werden, was Anlaß dazu geben könnte, zu vermuten, die britische Militär-Regierung wolle auf diesem Wege die öffentliche Meinung lenken. Es wird soviel von »demokratische« Umerziehung des deutschen Volkes gesprochen, ich glaube man sollte peinlichst alles vermeiden, was an die Lenkung der öffentlichen Meinung in der Nazizeit auch nur im Entferntesten erinnern könnte. Ich darf in diesem Zusammenhange einige Ausführungen über die innere Struktur der CDU machen. In ihr sind alle Berufe und alle Stände vertreten; sie ist keine Klassenpartei, auch nicht eine Partei, die sich die Förderung der Interessen eines bestimmten Standes zur besonderen Aufgabe gestellt hat. Staatspolitisch gesehen, sollte man m. E. das Vorhandensein einer solchen Partei besonders begrüßen und insbesondere seitens der Militär-Regierung nichts tun, was wie die Förderung einer bestimmten Richtung innerhalb der CDU aussieht. Es besteht sonst die Gefahr, daß Kreise, welche sich heute noch zur CDU bekennen, demnächst einmal rechtsradikalen Parteien zum Opfer fallen könnten. Ich könnte mir vorstellen, daß dies durchaus nicht im Interesse der Alliierten liegt, ebenso wenig wie es im deutschen Interesse liegt.
Wenn aber der Entschluß der britischen Militär-Regierung, eine der christlichen Arbeiterbewegung nahestehende Zeitung herauszubringen, unabänderlich ist, so wäre es wünschenswert, daß diese Zeitung wenigstens gut wird. Mit der von Ihnen als Hauptlizenzträger in Aussichtgenommenen Person bin ich seit vielen Jahren eng verbunden, und nicht nur nach meinem Urteil, sondern auch auf Grund seiner eigenen Erklärungen erscheint es mir fraglich, ob dieser Herr z. B. zu einer soliden finanziellen Führung einer Zeitung geeignet ist. Übrigens sind z. Zt. In M.-Gladbach Streitigkeiten in der öffentlichen Stadtverordnetenversammlung ausgebrochen, über die Sie m. E. sich von beiden Seiten informieren lassen müssen3.
Geeignete Personen aus dem christlichen Arbeiterlager sind meines Erachtens in erster Linie Personen, die aktiv in der christlichen Arbeiterbewegung, d. h. also in den Standesorganisationen, stehen. Hier kann ich Ihnen z. B. sehr den Generalsekretär der katholischen Arbeitervereine, Josef Gockeln, empfehlen, welcher auch Landtagspräsident in Nordrhein-Westfalen ist. Gockeln ist eine geistig sehr tief fundierte Persönlichkeit, ein sehr geschickter Formulierer und ein guter Stilist. Ebenso warm kann ich empfehlen den Landrat Even aus Bergheim/Erft, welcher der Schriftleiter der »Ketteler Wacht«4 ist. Es wäre auch wünschenswert, wenn aus der evangelischen Arbeiterbewegung ein Lizenzträger mit hereingenommen würde. Dieser Wunsch ist von uns nahestehenden Freunden aus der evangelischen Arbeiterbewegung an mich herangetragen worden. In dieser Hinsicht darf ich vielleicht einmal auf Herrn Emil Marx, Wuppertal-Barmen, Neuer Weg 574, hinweisen, welcher hier im Westen in der evangelischen Arbeiterbewegung durchaus im Vordergrund steht und welcher alter christlicher Gewerkschaftler ist.
Ich bitte, mir nicht zu verübeln, Herr Major, wenn ich Ihnen mit diesem Freimut schreibe. Ich nehme an, daß Sie verstanden haben, was ich ausdrücken will, und daß Sie es für gut halten, wenn ich Ihnen ganz offenmeinen Standpunkt darlege, der im übrigen im Einklang steht mit den Auffassungen meiner Freunde in der Parteileitung. Ich bedauere es, daß Ihr Amtssitz in Berlin Sie jetzt weniger zum Westen führt, und hoffe, recht bald einmal wieder Gelegenheit zu haben, mich mit Ihnen zu unterhalten.
Mit ausgezeichneter Hochachtung
(Adenauer)
Hierzu ist in StBKAH 07.22 erhalten: ein Schreiben von Robert Lehr vom 27.2.1948 mit einer Gesprächsaufzeichnung (o. D.) von Bruno Six über die bei Bishop erörterten Fragen der Lizenzierung überparteilicher Zeitungen und des Erscheinens von CDU-Halbmonatsheften (vgl. das Schreiben an Bruno Six vom 31.8.1946): »Sofort nach Ankündigung dieses Themas … erklärte Major Hu[ij]smans von sich aus, er müsse zugeben, daß er schon vor 1 1/2 Jahren Dr. Adenauer eine derartige Lizenz versprochen habe. Er bitte um Entschuldigung, daß noch nichts geschehen sei, es werde unverzüglich nachgeholt werden.« – Zur Kontaktaufnahmezwischen Huijsmans und Adenauer im September 1946 vgl. das Schreiben an diesen vom 15.9.1946.
Huijsmans hatte – laut Six-Niederschrift – am 24.2.1948 erklärt, »daß ab 1. März ein CDU-Blatt Jakob Kaisers in Berlin erscheinen werde …«; zur Übertragung der Lizenz für die Tageszeitung ›Der Tag‹ am 2.3.1948 auf Kaiser vgl. Werner Conze, Jakob Kaiser, S. 227f.
Zum Konflikt zwischen dem hier angesprochenen Wilhelm Elfes und der CDU Mönchen-Gladbach (die die Abwahl Elfes' aus dem Oberbürgermeisteramt betrieben und ein Ehrengerichtsverfahren gegen ihn eingeleitet hatte) vgl. Anm. 3 im Schreiben an Karl Arnold vom 26.1.1948.
Organ der katholischen Arbeiter- und Knappenvereine Westdeutschlands (zu dessen erstmaligem Erscheinen Anfang 1948 Adenauer am 3.1.1948 Hermann Joseph Schmitt Glückwünsche übermittelt hatte; StBKAH 07.24). Vgl. auch das Schreiben an Hermann Joseph Schmitt vom 27.2.1948.