Peter Molt

In der letzten Regierungsperiode Konrad Adenauers 1961–1963 wurde zum ersten Mal in einem westlichen Industrieland ein Ministerium eingerichtet, das die Entwicklungshilfe organisieren und koordinieren sollte, das heutige Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (BMZ). In den vorhergehenden Legislaturperioden hatte sich das neue Politikfeld bereits angezeigt, spielte aber eine von der Öffentlichkeit kaum wahrgenommene Nebenrolle. Erst Anfang der 1960er Jahre rückte die Entwicklungshilfe recht abrupt ins Zentrum der Aufmerksamkeit von Politik und Öffentlichkeit. Das war zum einen dem sich beschleunigenden Prozess der Dekolonisation der afrikanischen und asiatischen Kolonien Frankreichs, Großbritanniens, Italiens und Belgiens selbst geschuldet, zum anderen dem Versuch der Sowjetunion, auf eben diese Entwicklung Einfluss zu nehmen.



Erste Anstöße und Kontakte

Die Bundesregierung hatte diesen Prozess allerdings schon früher in den Blick genommen. Bundeskanzler Konrad Adenauer, bis 1955 in Personalunion auch Außenminister, erkannte früh, dass die Dekolonisation der europäischen Kolonialreiche für die Bundesrepublik Chancen eröffnen, aber auch erhebliche Risiken bedeuten könnte. Für die deutsche Exportindustrie könnten sich bisher unzugängliche Märkte öffnen. Die Bundesrepublik könnte durch technische und finanzielle Unterstützung dieser Länder wieder politisches Gewicht erlangen, aber es könnten daraus auch zusätzliche Konflikte entstehen und die westlichen Mächte geschwächt werden.

Im April 1955 trafen sich Delegierte aus 29 asiatischen und afrikanischen Staaten zu einer Konferenz in Bandung und forderten ein Recht auf die Unabhängigkeit und Selbstbestimmung aller Völker. Sie verurteilten Kolonialismus, Rassismus und die Teilnahme an Militärbündnissen und verlangten wirtschaftliche und technische Unterstützung über internationale Organisationen. Die Bundesregierung erklärte sich daraufhin grundsätzlich zur finanziellen und technischen Zusammenarbeit mit diesen Ländern bereit. Die Bundesrepublik Deutschland wolle weltweit Freunde gewinnen und mit ihnen vertrauensvoll zusammenarbeiten.

Zusammenarbeit mit Indien

Im folgenden Jahr besuchte der für die Umsetzung des Marshallplans verantwortliche Minister und Vizekanzler Franz Blücher (FDP) Indien. Nach der Unabhängigkeit 1947 stand das Land in den 1950er Jahren im Mittelpunkt der beginnenden internationalen Entwicklungszusammenarbeit. Auf Blüchers Vorschlag hin lud Adenauer den indischen Ministerpräsidenten Jawaharlal Nehru im Juli 1956 nach Bonn ein. Adenauer maß diesem mehrtägigen Besuch großes Gewicht bei und bemühte sich um Nehru wie sonst kaum um einen Staatsgast. Er führte mehrere längere Gespräche mit ihm, um seine Ansichten zur Weltpolitik kennen zu lernen. Dabei lobte er die indische Entwicklungspolitik der Industrialisierung und der Modernisierung der Landwirtschaft und unterließ – im Gegensatz zu Bundeswirtschaftsminister Ludwig Erhard – jegliche Kritik an der von Nehru verfolgten Planwirtschaft.

Das Ergebnis des Besuchs war die Zusage einer substantiellen finanziellen Hilfe für den indischen Fünfjahresplan, finanziert mit Rückzahlungen an den deutschen Marshallplan-Fonds (ERP-Sondervermögen) und einer Kreditgarantie für die Errichtung eines Stahlwerks. Adenauer hat diesen Besuch in seinen Memoiren ausführlich beschrieben, weil er der Zusammenarbeit mit Indien eine große Bedeutung für die zukünftige Rolle Deutschlands in der Weltpolitik zumaß. Deutschland war damals immer noch in der ersten Phase des Wiederaufbaus und war, wie Adenauer immer wieder betonte, ein armes Land.

Die Zusammenarbeit mit den Entwicklungsländern hielt er wirtschaftlich für wichtig, betonte aber, dass diese den außenpolitischen Grundsätzen und dem Respekt gegenüber der Selbstbestimmung der Partner untergeordnet bleiben müsse. Mit dieser Einstellung stieß Adenauer allerdings im Bundeskabinett auf erhebliche Vorbehalte. Zwar wurde die Bundesrepublik durch die Projektfinanzierung in Indien weltweit zu einem großen Geber, aber es gelang dem Kanzler gegen den Widerstand des Finanzministers nicht, für weitere Vorhaben der Entwicklungszusammenarbeit das Auswärtige Amt und das Bundeswirtschaftsministerium mit größeren Haushaltsmitteln auszustatten.

Europäische Entwicklungspolitik

Der nächste Anstoß für die Beteiligung Deutschlands an der Entwicklungszusammenarbeit kam von der Europapolitik. Bei den Verhandlungen um die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die mit den Römischen Verträgen im März 1957 gegründet werden sollte, wurde die Einbeziehung der französischen Kolonien zum hauptsächlichen Streitpunkt. Frankreich schlug vor, seine Kolonien und die bereits unabhängigen Länder Marokko und Tunesien, mit denen es in einer Zollunion eng verbunden war, in den Gemeinsamen Markt einzubeziehen und einen Investitionsfonds für ihre wirtschaftliche Erschließung zu gründen. Die französischen Unterhändler begründeten ihre Forderung damit, dass Frankreich jährlich 2 Mrd. DM für die Entwicklung der Kolonien aufbringen müsse. Deshalb liege die Investitionsrate für das Mutterland unter dem Durchschnitt der Partnerländer und Frankreich habe von Anfang an im Gemeinsamen Markt einen Wettbewerbsnachteil. Die Bundesregierung lehnte den Vorschlag zunächst entschieden ab, weil sie sich nicht in den Prozess der Dekolonisation hineinziehen lassen wollte. Die französische Regierung gab jedoch nicht nach, zumal sie kurz zuvor das Zugeständnis gemacht hatte, das Saarland nach Deutschland zurück zu gliedern.

Eine Ablehnung zum damaligen Zeitpunkt, als Frankreich die Umwandlung seiner Kolonialgebiete in die „Communauté Française“ vorbereitete, hätte wahrscheinlich ein Ende der Verhandlungen bedeutet. Wenn daran die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft, auf deren Zustandekommen inzwischen auch die Vereinigten Staaten drängten, gescheitert wäre, wäre die Bundesrepublik dafür verantwortlich gemacht worden. Schließlich waren nicht weniger als drei Außenministerkonferenzen Ende Januar und Februar 1957 notwendig, um sich auf den Kompromiss der Assoziierung der Kolonien und der Einrichtung eines Europäischen Entwicklungsfonds (EEF) zu einigen.

Im Bundeskabinett kam es über die Zustimmung zu diesem Kompromiss zu einer grundsätzlichen Kontroverse zwischen Bundeskanzler Adenauer und Bundeswirtschaftsminister Erhard. Letzterer sah eine Chance, seine Opposition gegen die EWG nochmals zu begründen und die Vertagung der Vertragsverhandlungen zu erreichen. Sein wichtigstes Argument war, die Tür für eine Beteiligung Großbritanniens an der EWG müsse offen gehalten werden. Großbritannien nahm an den Verhandlungen nicht teil, weil es die für die EWG vorgesehene Supranationalität ablehnte zugunsten einer europäischen Freihandelszone, seine bisherigen Kolonien aber über das Commonwealth politisch und wirtschaftlich an sich binden wollte.

Bundeskanzler Adenauer hielt an seinem Votum für die Annahme des Verhandlungsergebnisses fest, nicht nur wegen des drohenden Rückschlags für die europäische Einigung, sondern auch, weil die Ablehnung der Supranationalität der von ihm vertretenen Konzeption der europäischen Integration entgegenstand. Er argumentierte, unterstützt von Außenminister Heinrich von Brentano, die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft sei das Kernstück auf dem Weg zur europäischen Einigung und dürfe nicht an der Frage der Unterstützung für die afrikanischen Kolonien Frankreichs, Italiens und Belgiens scheitern. Die Aufgabe Europas sei es, gegen die Konkurrenz von China und Indien eine enge Bindung der afrikanischen Länder zu erhalten. Die wirtschaftliche Kraft Frankreichs und Belgiens reiche dafür nicht aus.

Die Entscheidung für die Förderung der überseeischen Gebiete hatte letztlich nicht nur für das Zustandekommen der Europäischen Wirtschaftsgemeinschaft eine ausschlaggebende Bedeutung, sondern setzte Maßstäbe für die weiteren Schritte. Über den EEF leistete die Bundesrepublik einen direkten Beitrag zu sozialen Verbesserungen und zum Ausbau der Infrastruktur. Zum ersten Mal bekannte sie sich zu der besonderen Verpflichtung Europas für Afrika und zum ersten Mal – wenn auch nur theoretisch – zur Bindung der Entwicklungszusammenarbeit an die Grundsätze der Charta der Vereinten Nationen. Mit einem für damalige Verhältnisse großen Betrag wurde damit auch die multilaterale Zusammenarbeit als zweiter gewichtiger Pfeiler der deutschen Entwicklungszusammenarbeit verankert.

Lastenverteilung im atlantischen Bündnis

Die Zusage zur Entwicklungszusammenarbeit der EWG führte alsbald zu Forderungen nach finanzieller Unterstützung von Entwicklungsprojekten in den noch bestehenden oder ehemaligen britischen Kolonien. Ab Herbst 1957 erforderte die Abwehr der sowjetrussischen Wirtschaftsoffensive in den Entwicklungsländern und die fortschreitende Dekolonisation erhöhte Zuwendungen an die bereits unabhängigen oder auf dem Weg zur Unabhängigkeit befindlichen Entwicklungsländer. Dadurch wuchs das Zahlungsbilanzdefizit der USA und Großbritanniens spürbar. Der US-amerikanische Außenminister John Forster Dulles und sein britischer Kollege Selwyn Lloyd einigten sich daraufhin wegen der „Interdependenz“ der westlichen Welt, die inzwischen wirtschaftlich zunehmend prosperierende Bundesrepublik stärker für die erheblichen Kosten des militärischen Schutzes der Bundesrepublik, zusätzlich aber auch für die westliche Entwicklungszusammenarbeit heranzuziehen. Unter dem Eindruck wachsender Spannungen zwischen den Westmächten und der Sowjetunion musste Adenauer dem britischen Premierminister Harold Macmillan anlässlich der Jahreskonferenz der Regierungschefs der NATO am 15. Dezember 1957 einen deutschen Beitrag zur Unterstützung der im Rahmen des Commonwealth unabhängig werdenden britischen Kolonien in Aussicht stellen. Dieser Zusage folgten aber kaum Taten. Bundeswirtschaftsminister Erhard setzte inzwischen nach einer großen Asienreise 1958 mehr auf eine Zusammenarbeit mit wirtschaftlich aufstrebenden Staaten, wie z.B. Südkorea, als mit den konfliktreichen und armen Regionen des britischen Kolonialreichs. Ein Kompetenzstreit zwischen Wirtschaftsministerium und Auswärtigem Amt blockierte zusätzlich konkrete Schritte.

Auf Drängen von Parlamentariern kam es schließlich am 22. Juni 1960 zu einer Grundsatzdebatte im Deutschen Bundestag. Alle Fraktionen waren sich darin einig, dass es moralisch aber auch politisch geboten sei, den unabhängig gewordenen Ländern zu einer gesunden sozialen Entwicklung zu verhelfen und dort Anarchie und die Hinwendung zu rechten und linken Diktaturen zu verhindern. Nach dieser Debatte bekannte sich das Bundeskabinett am 20. Juli 1960 zu einer eigenständigen Entwicklungszusammenarbeit als Instrument der internationalen Beziehungen. Die Weiterentwicklung der aus der Marshallplanhilfe entstandenen Organisation zum wirtschaftlichen Wiederaufbau Europas (OEEC) zur Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) mit dem Development Assistance Committee (DAC) als Steuerungsorgan der Entwicklungszusammenarbeit wurde gebilligt.

Der Beschluss war auf der politischen Linie Adenauers. Er hielt es für notwendig, den Verbündeten zu beweisen, dass die Bundesrepublik Deutschland ein zuverlässiger Partner sei. Das Ansehen der Bundesrepublik in der internationalen Gemeinschaft und ihre Lage, vor allem auch die notwendige Unterstützung der Verbündeten in den deutschlandpolitischen Fragen, erfordere diese Leistung. Nun gelte es planmäßig diese Aufgabe anzugehen. Adenauer wusste, dass weitere Verzögerungen von der amerikanischen Regierung nicht hingenommen würden. Diese aber wusste, dass letztlich nur Adenauer eine solche Entscheidung durchsetzen konnte.

Das US-amerikanische Außenministerium sorgte zu dieser Zeit dafür, dass Adenauer von Gesprächspartnern immer wieder auf den deutschen Beitrag zur Entwicklungszusammenarbeit angesprochen wurde, so u.a. bei dem berühmten Treffen Adenauers mit dem israelischen Ministerpräsidenten David Ben Gurion am 14. März 1960 in New York, in dem Ben Gurion auf Wunsch Präsident Dwight D. Eisenhowers Adenauer nachdrücklich auf die Bedeutung Asiens und Afrikas für das weitere Schicksal der freien Welt ansprach.

Wie dringlich die Eisenhower-Administration eine namhafte Beteiligung der Bundesrepublik an der Lastenverteilung der Entwicklungshilfe, dem „burden-sharing“, hielt, unterstrich schließlich der Besuch des Finanzministers Robert B. Anderson und des stellvertretenden Außenministers Clarence Douglas Dillon im November 1960 in Bonn.

Die Herausforderungen, die sich aus dem Dekolonisationsprozess und der 1958 begonnenen sowjetischen Wirtschaftshilfe ergaben, stellten sich den Vereinigten Staaten zu einem Zeitpunkt, als sie mit einem wachsenden Defizit der Zahlungsbilanz kämpften, das zu wesentlichen Teilen aus der ständig erhöhten militärischen und wirtschaftlichen Auslandshilfe seit 1958 resultierte. Diese konnten und wollten sie angesichts der angespannten weltpolitischen Lage nicht kürzen. Der Besuch Andersons und Dillons in Bonn endete allerdings nicht mit einer Einigung, da das Auswärtige Amt die verwegene Idee hatte, eine verbindliche Zusage für die Entwicklungszusammenarbeit mit einem Entgegenkommen der USA in der strittigen Frage der Rückgabe des im Zweiten Weltkrieg enteigneten deutschen Eigentums zu koppeln.

Präsident John F. Kennedy schrieb daher – auf Rat von Dillon, der inzwischen sein Finanzminister geworden war – drei Wochen nach seinem Amtsantritt am 7. Februar 1961 an Adenauer, die Freunde der Vereinigten Staaten in der Atlantischen Gemeinschaft müssten ihren vollen Anteil an den gemeinsamen Verteidigungskosten einbringen. Die OECD müsse ein effizientes Instrument der Zusammenarbeit für die gemeinsamen Ziele werden, insbesondere auch bei den Anstrengungen, gesundes Wachstum in den weniger entwickelten Ländern zu unterstützen.

Besorgt, dass der neue Präsident zusammen mit Premierminister Macmillan in der Frage der völkerrechtliche Anerkennung der DDR und der Oder-Neiße-Grenze der Sowjetunion Zugeständnisse machen und damit die Grundlage seiner Deutschlandpolitik in Frage stellen könnten, entsandte Adenauer wenige Tage nach Erhalt des Schreibens Bundesaußenminister Brentano nach Washington, um die Ansichten des neuen Präsidenten zu den Beziehungen mit der Bundesrepublik Deutschland zu erkunden. Kennedy unterstrich gegenüber Brentano erneut, dass als Gegenleistung für den militärischen Schutz durch die USA die Bundesrepublik einen namhaften Beitrag zur Entwicklungshilfe leisten müsse. Brentano wurde nach diesem Gespräch ein Memorandum mit den amerikanischen Forderungen überreicht. Darin hieß es, die USA erwarteten, dass die Bundesrepublik auf der bevorstehenden Sitzung des DAC die amerikanische Forderung des burden-sharing unterstütze und selbst ein langfristiges großes Programm der Entwicklungshilfe aus öffentlichen Mitteln ankündige. Brentano sagte daraufhin einen Beitrag von 4 Mrd. DM zu. Diese Zusage war jedoch nicht vom Bundeskabinett beschlossen, sondern beruhte nach Absprache mit Adenauer auf einer im Herbst 1960 erarbeiteten Vorlage für das Bundeskabinett.

Bundesfinanzminister Franz Etzel weigerte sich, einen entsprechenden Betrag in den Haushalt einstellen. Er war nur bereit, für das folgende Jahr eine Bindungsermächtigung in Höhe von 500 Mio. DM vorzusehen. Noch vor der Bundestagswahl im September 1961 gelang es dem Kanzleramt, eine Hilfskonstruktion zur Erfüllung der Zusage Brentanos u.a. mit Darlehen der deutschen Wirtschaft, der Bundesländer und der Stiftung Volkswagenwerk sowie Mitteln der Kreditanstalt für Wiederaufbau (KfW) zustande zu bringen und die US-Regierung entsprechend zu unterrichten.

Eine pragmatische Konzeption

Der Start der deutschen Entwicklungszusammenarbeit war somit ziemlich holprig. Trotzdem erfolgte danach der Aufbau verhältnismäßig zügig. Zwar kam es nicht, wie die US-Regierung wünschte, zu gemeinsamen Projekten zwischen den beiden Ländern und die Ausgaben der Bundesrepublik für internationale und bilaterale Vorhaben erreichten in den nächsten Jahren nicht den vereinbarten Betrag von jährlich einer Mrd. USD. Aber immerhin erbrachte die Bundesrepublik 1965 mit jährlich 450 Mio. USD einen ähnlichen Betrag wie Großbritannien, nämlich 7% der weltweiten offiziellen Entwicklungszusammenarbeit. Bei der Bildung des vorletzten Kabinetts Adenauer IV (1961–1962) wurde mit dem Koalitionspartner FDP statt eines von ihr geforderten Staatsministers im Auswärtigen Amt das eingangs erwähnte Ministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit vereinbart. Der spätere Bundespräsident Walter Scheel, der als Mitglied der Europäischen Parlamentarischen Versammlung Erfahrungen mit dem neuen Politikbereich hatte, erhielt das Ministerium, das zunächst überwiegend Koordinationsaufgaben zugewiesen bekam.

Organisation und Leistungen der deutschen Entwicklungszusammenarbeit nach dem Rücktritt Adenauers folgten im Wesentlichen weiter seiner Konzeption, die Entwicklungszusammenarbeit hauptsächlich als Instrument außenpolitischer Zusammenarbeit mit den neuen Staaten zu sehen. Dafür musste sie überwiegend bilateral erfolgen.

Nur ein kleinerer Teil wurde multilateral über die internationalen Organisationen vergeben. Das Auswärtigen Amt teilte der US-Regierung offiziell mit, dass Deutschland seine Entwicklungshilfe grundsätzlich bilateral leisten und internationalen Konsortien nur ausnahmsweise, d.h. da, wo es zweckmäßig sei, beitreten werde.

In einer anderen Frage folgte die Bundesrepublik den amerikanischen Erfahrungen. Adenauer trat dafür ein, Organisationen der Zivilgesellschaft an der Aufgabe zu beteiligen. In persönlichen Gesprächen mit Beratern, Journalisten und Wissenschaftlern hatte er die Überzeugung gewonnen, dass Organisationen, wie die kirchlichen Hilfswerke MISEREOR und Brot für die Welt sowie die Politischen Stiftungen zur Mitarbeit gewonnen und dafür vom Staat unterstützt werden müssten. Durch alle diese Vorgaben gewann die deutsche Entwicklungszusammenarbeit unter den folgenden Regierungen ab 1963 ein eigenständiges und international anerkanntes Profil.

Schatten der Vergangenheit

Von kritischen Historikern werden Adenauers Weichenstellungen für die Entwicklungspolitik weitgehend übersehen. Sie unterstreichen dagegen, dass er in der Weimarer Republik den Kolonialrevisionismus, d.h. die Forderungen nach Rückgabe der durch den Versailler Vertrag verlorenen Kolonien unterstützt habe. Adenauer war in der Kolonial- und Missionsbegeisterung des wilhelminischen Deutschland aufgewachsen. Er hatte in dieser patriotischen Gesinnungswelt Schule und Universität besucht und seine politische Karriere gemacht. Er lebte im bürgerlichen Milieu, in dem in Deutschland wie in seinen westeuropäischen Nachbarländern der Besitz von Kolonien als unverzichtbares Element einer Großmacht gehalten wurde. Der Verlust der Kolonien hatte deshalb in weiten Teilen des deutschen Bürgertums einen hohen symbolischen Wert und wurde als besonders schmerzhafte Folge des Versailler Vertrags empfunden.

Mit dem Beitritt zum Völkerbund 1926 erkannte jedoch auch das Deutsche Reich dessen Mandat über seine ehemaligen Kolonien an, was völkerrechtlich ihre Rückgabe ausschloss. Dazuhin wäre diese für Frankreich, mit dem die Reichsregierung eine Normalisierung der Beziehungen anstrebte – was Adenauer entschieden unterstützte –, unannehmbar gewesen. Das Engagement Adenauers als stellvertretender Vorsitzender der Deutschen Kolonialgesellschaft 1931–1933 war deshalb mutmaßlich vor allem innenpolitisch motiviert, um zu verhindern, dass diese Organisation sich weiter radikalisierte und den Nationalsozialisten anschloss. Möglich ist auch, dass er durch die Übernahme des Amtes seine nationale Gesinnung gegenüber der Diffamierung als „Separatist“ und „Judenfreund“ durch die Nationalsozialisten unterstreichen wollte. Wie er das Ehrenamt ausübte, ist nicht belegt, sicher ist jedoch, dass die „Kolonialpolitik“ und die Kolonialgesellschaft in diesen späten Jahren der Weimarer Republik medial noch Einfluss hatten, politisch aber nicht mehr wichtig waren, und dass von Adenauers Ehrenamt, das 1933 abrupt endete, politisch keine Wirkung ausging, damals und nach 1955, als die Bundesrepublik begann, mit den postkolonialen Staaten zusammenzuarbeiten.

Ganz anders verhielt es sich mit seiner Unterstützung der zionistischen Interessen in Palästina und der Einrichtung eines jüdischen Nationalheims. 1926 kam es zur Gründung des „Deutschen Komitees Pro Palästina“, dem Adenauer angehörte. Dieses Engagement schuf das Vertrauen für die Aussöhnung mit Israel, beginnend mit den 1952 vereinbarten „Wiedergutmachungsleistungen“ und nach 1961 zu einer mehrere Milliarden DM umfassenden finanziellen Hilfe aus Entwicklungshilfemitteln für Israel, die wesentlich zu seinem Staats- und Wirtschaftsaufbau beitrug.

Realistische Entwicklungspolitik

Die entwicklungspolitische Konzeption Adenauers entsprach den Grundsätzen seiner Außen- und Sicherheitspolitik. Auf dem damaligen Höhepunkt des Kalten Krieges meinte er, die Entscheidung darüber, ob die Welt frei oder unfrei werde, falle nicht nur auf militärischem Gebiet. Die westlichen hochentwickelten Industrieländer müssten die Sympathien der neuen Länder gewinnen, sie hätten die Verpflichtung, den weniger begünstigten Gebieten der Welt zu helfen. Die Bundesregierung müsse sich daran beteiligen, nicht der Verteilung der Folgen der Kolonialherrschaft wegen, sondern für die Gestaltung der Zukunft der Welt. Eine besonders hohe Beteiligung an dieser Aufgabe sei der Preis, um die Alliierten dazu zu bringen, die speziellen außenpolitischen Interessen Deutschlands, die Erhaltung des Berlin-Status, das Offenhalten der deutschen Frage und die Verbesserung der Lebensbedingungen der Ostdeutschen, zu stützen.

Für die Beteiligung der Bundesrepublik Deutschland an der Entwicklungszusammenarbeit sprach am Ende der 1950er Jahre auch die Bereitschaft eines Teils der Bevölkerung – in Erinnerung an die eigene Not und die empfangene Hilfe – den Menschen in der „Dritten Welt“ zu helfen. Die Jüngeren begeisterten sich für die Politik der „new frontier“ des amerikanischen Präsidenten John F. Kennedys zum Aufbau einer friedlichen internationalen Weltgemeinschaft. Die öffentliche Meinung erleichterte den Einstieg in die Entwicklungspolitik, das stärkste Motiv für die Aufnahme der Entwicklungszusammenarbeit blieb aber der nachdrücklich vorgebrachte Wunsch der Vereinigten Staaten in der damaligen sicherheits- und deutschlandpolitischen Krise.

Adenauers große Erfahrung und sein außenpolitischer Realismus zeigten sich in seinem Rat, die Bundesrepublik solle sich von einer Bewertung oder gar von einer Beteiligung an den Auseinandersetzungen um die Unabhängigkeit der Kolonien fernhalten. Es müsse seine eigenen Aktionen auf die unabhängigen Staaten beschränken, dürfe aber auch dabei die Risiken nicht unterschätzen. Er sprach sich deshalb vor allem für die Zusammenarbeit mit den lateinamerikanischen und asiatischen Staaten aus, während er die Erfolgsaussichten der internationalen Entwicklungszusammenarbeit zum „building of states and nations“ der afrikanischen Kolonien skeptisch beurteilte. Die Entwicklungszusammenarbeit war für Adenauer ein neues Politikfeld, auf dem sich die noch im Aufbau befindliche Bundesrepublik unter Berücksichtigung ihrer außenpolitischen Grundsätze, Ziele und Interessen entsprechend ihrem Potential realpolitisch bewähren musste.

Literatur

Peter Molt: Die Anfänge der Entwicklungspolitik der Bundesrepublik Deutschland in der Ära Adenauer. Düsseldorf 2017.