Störer Jahresbericht

Kölner Ober­bürgermeister
1917 - 1933

Friedrich Kießling

Konrad Adenauers Karriere nach 1945 ist ohne seine Zeit als Kölner Oberbürgermeister nicht zu denken. 1917, mitten im Ersten Weltkrieg zum Oberhaupt seiner Heimatstadt gewählt, erwarb er sich schnell den Ruf eines effektiven und dynamischen Kommunalpolitikers. Als Chef des stattlichen Behördenapparats der nach Berlin zweitgrößten preußischen Kommune und Sitzungsleiter der Kölner Stadtverordnetenversammlung erarbeitete er sich zudem umfangreiche Verwaltungs- und Parlamentserfahrung. Seine Position des Kölner Oberbürgermeisters, zu der 1921 auch die des Präsidenten des Preußischen Staatsrats kam, machte ihn überregional, zum Teil auch reichsweit bekannt. Alles Voraussetzungen, von denen Adenauer nach 1945 profitierte bzw. die er zu nutzen wusste.

Adenauers Jahre als Oberbürgermeister dürfen aber keineswegs nur als Vorgeschichte seiner Kanzlerzeit betrachtet werden. Sie bildeten vielmehr einen wichtigen und eigenständigen Abschnitt seiner langen politischen Karriere, von dem zudem auch viel für die allgemeine deutsche Geschichte in der Zwischenkriegszeit zu lernen ist.

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Wahl 1917

Adenauer als Oberbürgermeister, September 1917

Am 18. September 1917 wurde Konrad Adenauer von der Kölner Stadtverordnetenversammlung zum Bürgermeister seiner Heimatstadt gewählt. Von den anwesenden 54 Stadträten hatten 52 für ihn votiert. Zwei Stimmen waren ungültig. Notwendig geworden war die Wahl, weil Adenauers Vorgänger Max Wallraf als Staatssekretär ins Reichsamt des Innern nach Berlin wechselte. Der Titel Oberbürgermeister wurde Adenauer gute vier Wochen später von Kaiser Wilhelm II. in dessen Eigenschaft als preußischer König verliehen. Zum Zeitpunkt der Wahl erholte sich Adenauer immer noch von einem schweren Verkehrsunfall, den er im März 1917 mit seinem Dienstwagen auf dem Weg vom Rathaus nach Hause erlitten hatte und der ihn zu einer monatelangen Arbeitspause zwang. Vor der endgültigen Entscheidung hatten sich führende Stadtverordnete bei einem Besuch an Adenauers Kurort im Schwarzwald deshalb noch einmal persönlich von dessen grundsätzlicher Arbeitsfähigkeit überzeugt.

Als Erster Beigeordneter und Mitglied der Mehrheitsfraktion des Zentrums im Kölner Stadtrat war Adenauer im September 1917 sicher eine logische Wahl. Das einstimmige Votum war aber auch Ausdruck des Ansehens, das sich Adenauer seit 1906 als Beigeordneter und dann ab 1914 als Krisenmanager im Ersten Weltkrieg erworben hatte. Hinzu kamen die exzellenten Verbindungen in die Kölner Gesellschaft, die Adenauer spätestens seit der Heirat mit Emma Weyer besaß. Ganz ohne Verhandlungen mit der zweiten Fraktion im Stadtrat, den Liberalen, ging es dennoch nicht. Diese stimmten Adenauers Wahl mit großer Mehrheit auch deswegen zu, weil im Vorfeld vereinbart worden war, dass mit Bruno Matzerath einer der ihren Erster Beigeordneter werden würde.

Tagebucheintrag Konrad Adenauers vom 31.12.1917

Mit erst 41 Jahren war Adenauer an einem ersten Höhepunkt seiner Karriere angelangt. Durch den Tod seiner ersten Frau im Oktober 1916 und den langanhaltenden Folgen seines Autounfalls war die zurückliegende Zeit für ihn persönlich aber auch sehr schwer gewesen. Entsprechend dunkel fiel trotz seines beeindruckend schnellen Aufstiegs am Jahreswechsel 1917/18 sein Fazit aus. „Das Jahr 1917 war für mich schwer, sehr schwer, voll körperlicher und geistiger Qual und Elend“, schrieb der frischgebackene Oberbürgermeister in einem knapp fünfseitigen Tagebucheintrag Ende 1917. Noch während seines Kuraufenthalts sei er zum Bürgermeister gewählt worden: „Ob mir zum Glücke, muss die Zukunft zeigen.“

Kriegsende, Revolution und Besatzung

Deutsche Truppen überqueren den Rhein, November 1918

Ob und wann Adenauer die Kriegsniederlage kommen sah, lässt sich heute nicht mehr mit Sicherheit sagen. Im Westen des Reichs mochten aber die sich seit Frühjahr 1918 häufenden schlechten Nachrichten von der Front früher angekommen sein als anderswo. Als die Niederlage im Herbst 1918 da war, ging es für den Oberbürgermeister und seine Verwaltung zunächst um ganz konkrete Dinge. Die Ordnung in der Stadt musste im allgemeinen Zusammenbruch ebenso aufrechterhalten werden wie die nach wie vor sehr schwierige Versorgungslage. Zu den ersten Herausforderungen zählte zudem die Rückführung der deutschen Truppen über den Rhein, die für hunderttausende Soldaten durch Köln führte, und nicht zuletzt die sich Anfang November nähernde Revolution.

Um die Aufgaben zu bewältigen, war bereits im Oktober ein „Amt für Übergangswirtschaft“ geschaffen worden. An deren Spitze stand eine Kommission aus Stadtverordneten, der neben Vertretern aus Zentrum und Liberalen nun auch Sozialdemokraten angehörten. Unterkommissionen widmeten sich bald einzelnen Gewerbezweigen oder Berufsgruppen. Als am 7. und 8. November und damit noch vor dem Waffenstillstand am 11. November die Revolution Köln erreichte, setzte Adenauer, nachdem sich eine militärische Unterdrückung schnell als aussichtslos erwiesen hatte, auf eine Art Kooperation. Einem bald gebildeten „Wohlfahrtsausschuss“ stand Adenauer sogar selbst vor.

Entsprechende Kooperationen waren in den großen Städten des Reichs nicht ungewöhnlich. In Köln half es, dass auch die Führung der Arbeiterbewegung überwiegend politisch gemäßigt agierte. Umgekehrt hatte sich Adenauer bei den Mehrheitssozialisten der Stadt bereits im Krieg den Ruf erworben, zu den kompromissbereiten Vertretern der alten Ordnung zu gehören. Dass die Revolution in Köln relativ kurz und gewaltarm verlief, lag schließlich auch an der Ankunft britischer Besatzungstruppen am 6. Dezember 1918. Adenauer hatte das Eintreffen der Briten wegen der trotz allem mehr als fragilen Ordnung in der Stadt geradezu herbeigesehnt. Die zweite, radikale Phase der Revolution, die anderswo im Reich zu blutigen Kämpfen und vielen Toten führte, fiel in Köln angesichts der Anwesenheit der alliierten Truppen aus.

Britische Soldaten füttern Tauben auf der Domplatte, 31.1.1926

Die etwas mehr als siebenjährige britische Besatzung brachte der Stadt mit Einquartierungen, Beschlagnahmen und manchen schikanösen Einzelbestimmungen erhebliche Belastungen. Adenauer gelang es dennoch recht schnell, eine funktionierende Arbeitsbeziehung zu den britischen Offizieren und Besatzungsbehörden aufzubauen. Da er aber zum Beispiel auch immer wieder über die Köpfe der Briten hinweg Kontakte zu der französischen Besatzungsverwaltung in Koblenz pflegte, war das Verhältnis nicht ungetrübt. Und den Briten blieb ebenso nicht verborgen, dass Adenauer, als die Besatzung im Januar 1926 endete, auf dem Domplatz eine seiner nationalistischsten Reden überhaupt hielt. Auf der anderen Seite war dem Oberbürgermeister sehr wohl bewusst, dass die Besatzung auch Vorteile hatte. Vor allem schützte sie Köln vor den politischen Unruhen, die andere Teile des Reichs bis 1923 immer wieder an den Rand eines Bürgerkriegs führten. Für ihn persönlich brachte die Besatzungszeit zudem wichtige politische Erkenntnisse. Adenauer war nach 1945 der westdeutsche Spitzenpolitiker, der am meisten Erfahrungen im Umgang mit Besatzungsbehörden besaß. Für seine Karriere in der zweiten Nachkriegszeit seines Lebens ist dies nicht zu unterschätzen

Weimarer Demokratie

Adenauer mit Reichspräsident Ebert, 11.5.1924

Der Übergang von der konstitutionellen Monarchie des Kaiserreichs in die Demokratie der Weimarer Republik fiel Adenauer offenbar nicht schwer. „Ich war immer ein Demokrat, immer, solange ich zurückdenken kann“, gab er 1963 im Rückblick einmal an. Und in der Tat unterstützte Adenauer die Republik von deren Entstehung an. Als sich der Münchner Kardinal Faulhaber anlässlich des Katholikentags von 1922 massiv antirepublikanisch äußerte, wies ihn Katholikentagspräsident Adenauer öffentlich zurecht. Drei Jahre später würdigte Oberbürgermeister Adenauer den verstorbenen ersten Reichspräsidenten Friedrich Ebert von der SPD in einer Gedenkrede mit ebenso klaren Sätzen. Diesem sei es zum Beispiel zu danken, dass „Deutschland den Boden des Rechts und des Gesetzes“ wiedergefunden habe.

Hinter Adenauers Unterstützung von Republik- und Demokratie standen in den Weimarer Jahren vor allem zwei Überzeugungen: Wie in der Gedenkrede auf Friedrich Ebert 1925 hob er auch bei vielen anderen Gelegenheiten die Wahrung von Rechtsstaatlichkeit sowie die Achtung der Verfassung als notwendige Grundlagen der Republik hervor. Dazu gehörte für ihn ebenso die Würde und das Ansehen der staatlichen Institutionen. Bei der zweiten Überzeugung war Adenauers kommunalpolitische Herkunft von besonderer Bedeutung. Denn gerade in den Gemeinden vor Ort könne sich, wie Adenauer etwa auf einer Versammlung seiner Zentrumspartei 1930, ausführte, jener „Bürgersinn“ und jenes „Bürgerleben“ ausbilden, das im „demokratischen und parlamentarisch regierten Staate am notwendigsten“ sei. Übertragen in heutige Vorstellungen ging es Adenauer um die tätige Mitarbeit sowie insbesondere das Verantwortungsgefühl der Einzelnen für das Gemeinwesen. Die Demokratie nannte er in der gerade zitierten Rede die „allein mögliche“ Regierungsform für ein „so großes kultiviertes und gebildetes Volk wie das deutsche“. Auch deshalb gelte es dafür zu sorgen, dass „verfassungstreue Männer in öffentlichen Stellungen tätig sind“.

Weimarer Reichsverfassung für Adenauer, 11.8.1929

An der Unterstützung der Weimarer Republik durch Adenauer gibt es also auch im historischen Rückblick keinen Zweifel. Dies zeigt sich ebenso an der von ihm gepflegten parlamentarischen Praxis. Als Sitzungsleiter ließ er sowohl im Stadtrat als auch im Preußischen Staatsrat offene Diskussionen zu, ja förderte diese bis zu einem bestimmten Punkt. Regelmäßig betonte er, wie wichtig Rede und Gegenrede seien. Vor diesem Hintergrund blieb seine Sitzungsleitung erstaunlich lange lax. Erst wenn er Würde und Ansehen der Institution und wohl auch von ihm selbst als Sitzungsleiter gefährdet sah, griff er ein. Auch seine parlamentarische Praxis spricht so für ein demokratisches Grundverständnis Adenauers in Weimar, das in seinen genauen Ausprägungen sicherlich zeitbedingt war, aber doch deutlich über einen reinen „Vernunftrepublikanismus“ hinausging.

Modernisierung und wirtschaftlicher Ausbau Kölns

Gerade in den ersten Jahren der Weimarer Republik setzte die Stadt Köln unter Oberbürgermeister Adenauer ein aus heutiger Sicht atemberaubendes Modernisierungsprogramm in Gang. In kurzer Folge verabschiedete die Stadtverordnetenversammlung ein Großprojekt nach dem anderen. Der Gründung der modernen Kölner Universität im Frühjahr 1919 folgte noch im selben Jahr der Beschluss des Stadtrats für einen völlig neuen Bebauungsplan. Damit war der Startschuss für die Anlage der berühmten beiden Kölner „Grüngürtel“ gelegt. Ein Jahr später, im August 1920 genehmigte die Stadtverordnetenversammlung die grundsätzliche Anlage eines neuen Rheinhafens. Eineinhalb Jahre später folgte der Endgültige Beschluss zur Errichtung des Niehler Hafens. Zu diesem Zeitpunkt waren die Bauarbeiten für einen großen, neuen Sportpark bereits im vollen Gang. Im September 1923 konnte mit dem „Müngersdorfer Stadion“ das Zentrum der Anlage eröffnet werden. Ebenfalls 1920 beschloss der Stadtrat die Errichtung einer modernen Messe auf der Deutzer Rheinseite. Den Antrag hatte diesmal nicht Adenauer, sondern der zuständige Beigeordnete Heinrich Billstein eingebracht.

Wie wenig anderes verbindet sich dieses rastlose Infrastruktur- und Modernisierungsprogramm mit dem Namen von Konrad Adenauer als Kölner Oberbürgermeister. Und in der Tat ist es beeindruckend, wie viele Großprojekte gerade in den ersten Jahren der Weimarer Republik, kurz nach einem verheerenden Krieg und in politisch mehr als turbulenten Zeiten, in Köln in Gang gesetzt wurden. Allerdings befand sich die Stadt damit in guter Gesellschaft. Auch in Frankfurt am Main, Leipzig oder Breslau wurden in jenen Jahren ähnliche Bauprogramme auf den Weg gebracht. Im ostpreußischen Königsberg begann man neben dem Bau einer Messe ebenfalls mit der Anlage eines „Grüngürtels“. Wie in Köln hatte auch dort die endgültige Auflassung der Festungsanlagen nach dem Ersten Weltkrieg den Weg dafür freigemacht. Blickt man nicht nur auf Köln, sondern auf viele andere große Städte des Reichs, erscheinen so die Anfangsjahre Weimars auf kommunaler Ebene nicht nur als Krisen-, sondern ebenso als Aufbruchsjahre. Dahinter stand ein Glaube an die politische Gestaltbarkeit der Zukunft, der historisch vom späten Kaiserreich bis in die 1960er Jahre reicht und der auch bei Adenauer zu finden ist.

Was die Situation in Köln selbst anbelangt, so ist darauf hingewiesen worden, dass Adenauer die vielen Großprojekte natürlich nicht alleine vorantrieb. Für die Gründung der Universität etwa waren der Direktor der bereits bestehenden Handelshochschule Christian Eckart sowie der Kölner Reichstagsabgeordnete Johannes Meerfeld ebenso wichtig; für die Grüngürtel der 1920 nach Köln geholte Architekt und Stadtplaner Fritz Schumacher. Häufig gab es zudem Vorplanungen aus den letzten Jahren vor dem Ersten Weltkrieg, an die nun angeknüpft werden konnte. Die zentrale Rolle Adenauers bei der Modernisierung Kölns in den Weimarer Jahren ist dennoch mehr als eine „Legende“, wie es der Historiker Christoph Nonn bezeichnet hat. Nicht nur war der Oberbürgermeister das „Gesicht“ der jeweiligen Vorhaben, er trieb diese auch anhaltend voran und besorgte nicht zuletzt die notwendige finanzielle und politische Unterstützung. Ein ausgearbeitetes Gesamtprogramm hatte Adenauer dabei nicht. Ihm ging es vor allem darum, seiner Heimatstadt eine führende Rolle im Westen des Reichs zu sichern.

In der zweiten Hälfte der 1920er erlahmte das Modernisierungstempo nach und nach. Neben sich andeutenden finanziellen Problemen, die sich mit Beginn der Weltwirtschaftskrise 1929 dramatisch verstärkten, fiel es Adenauer auch zunehmend schwerer, die politische Unterstützung zu sichern. Mit der Verlegung der „Westdeutsche Funkstunde AG“, der Vorgängerin des WDR, nach Köln zum 1. Januar 1927, der großen „Internationalen Presseausstellung“ (PRESSA) ein Jahr später oder der Ansiedlung der Ford-Werke seit 1929 gelangen aber auch jetzt noch einige spektakuläre und über Adenauers Zeit als Oberbürgermeister hinausreichende Erfolge.

Reichspolitiker Adenauer?

Auch wenn Adenauers politischer Schwerpunkt klar bei der Arbeit in Köln lag, wirkte er doch vielfach über seine Heimatstadt hinaus. Als politischer „Multifunktionär“ gehörte er ebenso dem Rheinischen Provinziallandtag an, engagierte sich im preußischen wie deutschen Städtetag oder als Vorstandsmitglied der Zentrumspartei im Reich. Von 1921 bis 1933 fungierte er zudem als Präsident des Preußischen Staatsrats, der als zweite Parlamentskammer die Interessen der Provinzen im preußischen Gesamtstaat vertrat.

Wandtafel auf der "Kolonialen Sonderschau" der Pressa Köln 1928

Doch nicht nur als Funktionär, sondern auch inhaltlich trat Adenauer immer wieder deutschlandweit in Erscheinung. So engagierte er sich in den ersten Jahren der Republik in den anhaltenden Diskussionen um die sogenannte Rheinlandfrage, bei der es um die mögliche Loslösung des Rheinlandes von Preußen oder gar Deutschland nach der Niederlage im Ersten Weltkrieg ging. Über Köln hinaus wies auch Adenauers Beteiligung an der regen Weimarer Kolonialbewegung, die eine Wiedergewinnung der nach dem Ersten Weltkrieg verlorenen deutschen Kolonialgebiete forderte. Die deutsche Jugend müsse auf diese Weise ein Betätigungsfeld erhalten, lautete eines seiner wiederkehrenden Argumente für einen solchen Kolonialrevisionismus. Daneben ging es ihm um außenpolitische Gleichberechtigung. Der Verlust der Kolonien erschien ihm als unerträgliche Diskriminierung Deutschlands gegenüber den anderen europäischen Mächten. 1931 ließ er sich gar zum stellvertretenden Vorsitzenden der deutschen Kolonialgesellschaft wählen. Dass er jemals an einer Sitzung teilnahm, ist aber nicht belegt. Bei anderen Gelegenheiten zeigte sich Adenauer aber auch als Verständigungspolitiker, der nach der Katastrophe des Ersten Weltkriegs den Ausgleich mit Frankreich oder den Beneluxstaaten suchte. Ein Beispiel ist seine Ansprache bei der Eröffnung der Kölner Universität am 12. Juni 1919, bei der er der Universität „das Werk dauernder Völkerversöhnung und Völkergemeinschaft zum Heile Europas“ zur Aufgabe machte.

"Der Mittag" vom 19.5.1926

Adenauers reichsweite Bekanntheit zeigte sich schließlich an zwei Gelegenheiten, bei der er als Reichskanzler gehandelt wurde. Während sich die Sache im Mai 1921 schnell zerschlug, verhandelte er fünf Jahre später, am 14. und 15. Mai 1926, tatsächlich intensiv über eine Koalition unter seiner Führung und unter Einschluss der SPD mit den Spitzen verschiedener Parteien in Berlin. Am Ende wurde es aber auch diesmal nichts. Statt eines Kabinetts „Adenauer I“ kam es am 17. Mai zum Kabinett „Marx III“ von Adenauers Parteikollegen vom Zentrum Wilhelm Marx.

Es ist immer wieder versucht worden, prominent vor allem durch den Historiker Henning Köhler, Adenauers reichsweite Aktivitäten zwischen 1919 und 1933 als Vorgeschichte seiner Politik als Bundeskanzler zu deuten. In den meisten Fällen überzeugt dies nicht. Adenauer war zwar viel und häufig in Berlin und hatte gerade als Präsident des Preußischen Staatsrats auch ein herausgehobenes Amt. Es bleibt aber schwierig, etwa von seiner Rheinlandpolitik der frühen Weimarer Jahre auf die Weststaatsgründung nach 1945 zu schließen oder aus seinen Bekenntnissen zur Versöhnung als Oberbürgermeister eine direkte Linie zur europäischen Integrationspolitik der späten 1940er und 50er Jahre abzuleiten. Adenauer agierte in den Weimarer Jahren vor allem aus der Perspektive des Kölner Oberbürgermeisters heraus. Seine Berliner Kontakte nutzte er nicht für eine eigenständige Reichspolitik, sondern ganz überwiegend, um die Interessen seiner Heimatstadt zu fördern. Von den vielfachen Vernetzungen auf der nationalen Ebene sowie dem relativen Bekanntheitsgrad, die seine deutschlandweiten Aktivitäten mit sich brachten, profitierte er nach 1945 dennoch. Sie stellten eine bedeutende Basis für seine Karriere nach dem Zweiten Weltkrieg dar.     

Wiederwahl und Krise der Republik

"Münsterischer Anzeiger" vom 18.12.1929
Eröffnung der Mülheimer Brücke, 13.10.1929

1929 ging Adenauers erste Amtszeit als Oberbürgermeister nach zwölf Jahren zu Ende. War er 1917 noch einstimmig gewählt worden, wurde es diesmal ziemlich knapp. Nur mit einigen Zugeständnissen, u.a. beim Gehalt, gelang es am 17. Dezember 1929 eine hauchdünne Mehrheit von einer Stimme für seine Wiederwahl zusammenzubringen. Neben seiner eigenen Zentrumspartei votierten nur noch die beiden liberalen Fraktionen im Stadtrat für ihn. Die SPD, mit der Adenauer lange kooperiert hatte, stimmte nun gegen ihn.  

Der sich in dem knappen Wahlergebnis ausdrückende Ansehens- und Autoritätsverlust Adenauers hatte unterschiedliche Ursachen. So waren verschiedene Projekte, darunter die Messe, inzwischen ins Stocken geraten. Hinzu kam ein wachsender Schuldenberg, zu der ebenfalls die Modernisierungspolitik einiges beigetragen hatte. Zum Streit mit der SPD war es vor allem im Zuge des Baus der Kölner Mülheimer Brücke gekommen, als Adenauer 1927 entgegen vorheriger Absprache die Errichtung einer Hänge- statt einer zuvor vorgesehenen Bogenbrücke durchsetzte und dabei ausgerechnet mit der mit der SPD verfeindeten KPD kooperierte. Nicht nur die Sozialdemokraten warfen Adenauer seitdem einen autoritären, ja diktatorischen Führungsstil vor.

Die im Herbst 1929 einsetzende Weltwirtschaftskrise machte die Sache nicht besser. Mehrmals entging Köln in den Folgejahren nur knapp der Zahlungsunfähigkeit. 1931 mussten die Arbeiten am noch 1929 begonnenen Bau des neuen Hauptgebäudes der Universität eingestellt werden. Statt eines Expansions- und Investitionskurses musste sich Adenauer nun um eine strikte Konsolidierungspolitik bemühen.

Anfang der 1930er Jahre war zudem auch in der Kölner Kommunalpolitik die politische Krise Weimars angekommen. Auch in der Stadtpolitik änderte sich nun die Stimmung. Die geordnete Sitzungsführung in der Stadtverordnetenversammlung, an der dem Oberbürgermeister so viel lag, gestaltete sich angesichts vieler Störungen von links und vor allem rechts immer schwieriger. Adenauer reagierte damit, dass er immer weniger Sitzungen des Stadtrats ansetzte und stattdessen so viele Entscheidungen wie möglich in die Ausschüsse verlagerte. Da diese nicht-öffentlich tagten, blieb dort die Stimmung mangels Publikums, vor der man sich produzieren konnte, immer noch konstruktiver als im Plenum.

Im Stadtparlament selbst bemühte sich Adenauer bei aller inhaltlichen Ablehnung um einen „geschäftsmäßig-korrekten“ Umgang mit den radikalen Parteien, einschließlich der NSDAP. Die Krise des politischen Systems sah er aber sehr klar. Ein Rezept gegen das Anwachsen der antidemokratischen Kräfte hatte aber auch er nicht zu bieten. Während er in der zweiten Hälfte des Jahres 1932 dem Zentrum mehrmals riet, eine Kooperation mit der NSDAP einzugehen, um die Staatskrise zu beenden, setzte er zu Beginn des folgenden Jahres wieder auf eine klare Abgrenzung gegenüber Hitler und seiner Bewegung und führte diese Politik auch in den Wochen nach dem 30. Januar 1933 fort.

Die Kölner Nationalsozialisten hatten den Oberbürgermeister zu diesem Zeitpunkt längst als einen ihrer Hauptgegner ausgemacht. Korruption, Landesverrat, oder „Knechtseeligkeit vor Juden“ waren die Inhalte einer seit den späten 1920er Jahren anhaltenden Hetzkampagne gegen Adenauer, die sich mit dem 30. Januar 1933 noch einmal massiv verstärkte. Die am 12. März vorzeitig durch die neue Regierung herbeigeführte preußische Kommunalwahl, bei der die NSDAP mit 39,6% die bei weitem stärkste Partei in Köln geworden war, nutzten die Nationalsozialisten, um Adenauer mit Hilfe des Kölner Regierungspräsidenten Hans Elfgen aus dem Amt zu vertreiben. Am 13. März, einen Tag nach der Kommunalwahl, wurde Adenauer von Elfgen als Oberbürgermeister beurlaubt.

Fazit

In seinen Memoiren hat Adenauer die Jahre als Oberbürgermeister einmal als eine „verhältnismäßig ruhige Zeit“ bezeichnet. Angesichts der Umbrüche und vielen Krisen zwischen 1917 und 1933, von der Köln keineswegs verschont blieb, überrascht diese Charakterisierung nicht wenig. Man kann sie aber als Ausdruck dessen betrachten, dass Adenauer als Kölner Oberbürgermeister an einem Lebensziel angekommen war. Wenig deutet bis 1933 darauf hin, dass er darüber hinaus große Ambitionen hegte. Auch beim Blick auf sein Privatleben ergibt sich der Eindruck, dass die Jahre zumindest nach 1918/19 zu den erfülltesten in seinem Leben gehörten. Am 25. September 1919 hatte er seine zweite Frau, Auguste Zinsser, geheiratet. Kennengelernt hatten sich die beiden in der Nachbarschaft von Adenauers Haus in der Max-Bruch-Straße 6 in Köln-Lindenthal. Die 1895 geborene und damit 19 Jahre jüngere Auguste hatte nur ein paar Häuser weiter mit ihren Eltern gelebt. Zusammen mit den vier gemeinsamen Kindern und den drei Kindern aus Adenauers erster Ehe pflegte die Familie einen großbürgerlichen Lebensstil.

Konrad und Gussie Adenauer vor dem Anbau des Wohnhauses in Köln-Lindenthal, nach 1927.

Das großzügige Haus, das in den 1920er Jahren noch einmal erweitert wurde, diente dem Oberbürgermeister aber auch zu Repräsentationszwecken. Regelmäßig waren die Spitzen der Kölner und rheinischen Gesellschaft, Industrielle, Bankiers, aber auch wichtige Politiker aus Köln oder darüber hinaus zu Gast. Zu den Eingeladenen zählten Industrielle wie Carl Duisberg oder Peter Klöckner ebenso wie der Kölner Erzbischof, Reichskanzler Wilhelm Marx oder – im Juni 1928 – der niederländische Prinzgemahl Heinrich. Finanzielle Sorgen musste sich Adenauer deswegen nicht machen. Mit einem Verdienst von über 80.000 Reichsmark im Jahr, das sich aus Gehalt, Aufwandsentschädigungen sowie Wohngeldern zusammensetzte, gehörte er zu den am besten verdienenden Oberbürgermeistern in Deutschland überhaupt. Hinzu kamen Bezüge aus verschiedenen Aufsichtsratsmandaten.

Auch politisch waren, so lässt sich bilanzieren, Adenauers Jahre als Oberbürgermeister trotz der Schwierigkeiten der letzten Jahre eine insgesamt erfolgreiche Phase. Zeitgenössische Fotografien zeigen einen dynamischen Politiker in seinen besten Jahren. Häufig ist er dabei bei einer der vielen Eröffnungen und in Begleitung von wichtigen Reichspolitikern zu sehen. Nimmt man seine vielen Medienauftritte hinzu – Adenauer war regelmäßig auch im Rundfunk zu hören – lässt er sich durchaus als Typus des modernen Politikers der Zwischenkriegszeit charakterisieren. Umso härter traf ihn die Entfernung aus dem Amt im März 1933. Der bis dahin so umtriebige Politiker Adenauer war nun zur Untätigkeit verdammt. Diese quälte ihn, folgt man vielen Bemerkungen in seinen Briefen, fast noch mehr als die Bedrohungen durch die Nationalsozialisten. 

Konrad Adenauer 1917–1933. Dokumente aus den Kölner Jahren. Hgg. v. Günther Schulz im Auftrag der Stiftung Bundeskanzler-Adenauer-Haus. Bearb. v. Simon Ebert und Bettina Hinterthür. Köln 2007.

Heidrun Edelmann: Die Adenauers und die Universität zu Köln. Wien u. a. 2019.

Karl Dietrich Erdmann: Adenauer in der Rheinlandpolitik nach dem Ersten Weltkrieg. Stuttgart 1966.

Volker Frielingsdorf: Konrad Adenauers Wirtschaftspolitik als Kölner Oberbürgermeister (1917 – 1933). Basel 2002.

Engelbert Hommel: Der Kölner Konrad Adenauer, Köln 1983.

Friedrich Kießling: Adenauer – Dreieinhalb Leben. Biografie. München ²2025-

Henning Köhler: Adenauer und die rheinische Republik. Der erste Anlauf 1918–1924. Opladen 1986.

Katharina Müller-Kinne: »Weltschau am Rhein«. Die städtische Architektur und Geländegestaltung der PRESSA 1928 in Köln. Diss. Köln 2023.

Christoph Nonn: Köln in der Weimarer Republik 1918 – 1933. Köln 2024 (Zitat „Legende“: S. 137)

Dieter Schädel (Hg.): Fritz Schumacher in Köln. Rückblick und Perspektiven. Hamburg 2000.

Martin Schlemmer: Konrad Adenauer und die Rheinlandfrage. Eine unerledigte Streitfrage? In: Geschichte im Westen 19 (2004), S. 7–23.

Hugo Stehkämper (Hg.): Konrad Adenauer. Oberbürgermeister von Köln. Festgabe der Stadt Köln zum 100. Geburtstag ihres Ehrenbürgers am 5. Januar 1976. Köln 1976.


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