Kennedy und Adenauer stehen sich gegenüber und unterhalten sich.
Konrad Adenauer und John F. Kennedy am 26. Juni 1963 im Rathaus Schöneberg.

John F. Kennedy

* geboren 29.05.1917 in Brookline, Massachussetts
† gestorben 22.11.1963 in Dallas, Texas


US-Kongressabgeordneter, Senator, 35. US-Präsident

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Übersicht

1935Studium an der London School of Economics; Abbruch wegen Krankheit und Aufnahme des Studiums in Princeton; Abbruch wegen Krankheit
1936Wechsel zur Universität Harvard. Studium der Politikwissenschaft
1939Arbeit an der Botschaft der USA in London, wo der Vater Joseph P. Kennedy Botschafter ist. Reise nach Polen, Russland, Deutschland, Frankreich und in die Türkei.
1940Abschluss des Studiums in Harvard, Studium der Betriebswirtschaft in Stanford, Kalifornien
1941Abbruch des Studiums. September: Meldung als Freiwilliger zur Kriegsmarine
194326. März: Übernahme des Kommandos über das Torpedoboot „PT 109“, das am 2. August im Pazifik versenkt wird. Rettung der Mannschaft am 8. August: Rückkehr als Kriegsheld in die USA
1945Entlassung aus dem Militär. Arbeit als Zeitungskorrespondent in Großbritannien und Deutschland
1946Wahl in den US-Kongress
1952Wahl in den Senat
1953Hochzeit mit Jacqueline Bouvier
1957Pulitzerpreis für Kennedys Buch „Zivilcourage“
19608. November: Knapper Sieg bei der Präsidentschaftswahl gegen Richard Nixon
196117.–19. April: Scheitern der Invasion Kubas in der Schweinebucht. 5. Mai: Erster Weltraumflug eines Amerikaners. 25. Mai: Kennedy setzt den USA das Ziel, binnen zehn Jahren einen Menschen auf den Mond zu bringen. 3./4. Juni: Treffen mit Nikita Chruschtschow in Wien. 13. August: Bau der Berliner Mauer. 27./28. Oktober: Konfrontation sowjetischer und amerikanischer Panzer am Checkpoint Charlie
196230. September/1. Oktober: Rassenunruhen in Oxford, Mississippi. Kennedy schickt Truppen. 16.–28. Oktober: Kuba-Krise
196322. Januar: Adenauer und de Gaulle unterzeichnen deutsch-französischen Freundschaftsvertrag. 3. April–12. Mai: Rassenunruhen in Birmingham, Mississippi. Kennedy schickt Truppen. 10. Juni: Rede an der American University betont Notwendigkeit der Entspannung mit Sowjetunion. 11. Juni: Fernsehansprache zur Bürgerrechtsfrage. 19. Juni: Bürgerrechtsgesetzgebung wird dem Kongress zugeleitet. 30.08.: Einrichtung eines "heißen Drahts" zwischen Washington und Moskau. 23. Juni–2. Juli: Reise nach Deutschland, Irland, Großbritannien und Italien. 26. Juni: Rede vor dem Schöneberger Rathaus und vor Studierenden der FU in Berlin. 25. Juli: Atomteststoppvertrag mit Großbritannien und der Sowjetunion. 28. August: Marsch auf Washington. 1. November: Von der CIA unterstützter Militärputsch in Südvietnam. Beginn der Eskalation. 22. November: Ermordung Kennedys in Dallas, Texas.

Über Konrad Adenauer sagte John F. Kennedy einmal: „Ich habe den Eindruck, nicht nur mit einer anderen Generation zu reden, sondern mit einer anderen Welt.“ Das war keine Übertreibung. In der Deutschlandpolitik vertraten Adenauer und Kennedy entgegengesetzte Positionen. Nicht zuletzt durch seinen Deutschlandbesuch 1963 setzte Kennedy seine Politik gegen Adenauer durch.

Zwei Welten

John F. Kennedy, 1942
Gemeinfrei, Wikimedia Commons

Kennedy wurde 1917 geboren; im gleichen Jahr wurde Adenauer Oberbürgermeister von Köln. Damals gab es in Deutschland noch einen Kaiser; die USA waren seit über 130 Jahren eine Republik. Kennedy war der Sohn eines irisch-stämmigen Selfmademans, der seinen Kindern die Aufstiegsambitionen des Immigranten einimpfte. Adenauer entstammte einer alteingesessenen rheinischen Familie. Sein Großvater war Bäcker, sein Vater mittlerer Justizbeamter. Kennedy hatte im Zweiten Weltkrieg als Kommandeur eines Torpedoboots gegen Japan gekämpft. Adenauer hatte den Krieg in der inneren Emigration überlebt.

In Kennedys Geburtsjahr hatte Woodrow Wilson beim Kriegseintritt gegen das Deutsche Reich den Weltordnungsanspruch der USA proklamiert: „The world must be made safe for democracy“. Sein ganzes Leben schien Kennedy diesen Anspruch zu bestätigen. Adenauers Leben war geprägt vom Umgang mit deutschen Niederlagen und Revolutionen, deutscher Schuld, deutscher und europäischer Teilung und europäischem Abstieg. Zwar waren beide Männer Katholiken. Aber Adenauer betrieb als Chef einer explizit christlichen Partei tatsächlich Politik aus christlicher Gesinnung heraus. Für Kennedy war die Religion nicht einmal Privatsache. Sie störte ihn weder bei politischen Entscheidungen noch bei seinen vielen Affären.

Kennedy, Adenauer und die Mauer

Adenauer betrieb als Bundeskanzler seit 1949 gegen starke Widerstände innerhalb und außerhalb der CDU die Westintegration und Wiederbewaffnung der Bundesrepublik. Alle sowjetischen Angebote, die Wiedervereinigung Deutschlands durch Neutralisierung zu erlangen, wies er zurück. Den westdeutschen Teilstaat führte er in die NATO und die Europäische Wirtschaftsgemeinschaft (EWG), die Vorläuferin der Europäischen Union. Dabei hielt Adenauer immer an der Position fest, gerade durch die Westintegration – und nur durch sie – werde man die Wiedervereinigung erreichen. Die von den vier Siegermächten des Zweiten Weltkriegs garantierte Einheit Berlins galt ihm und der politischen Klasse der Bundesrepublik als Faustpfand und Symbol der Wiedervereinigung.

Die Sowjetunion wiederum sah mit zunehmender Sorge, wie die DDR über die offene Grenze in Berlin ausblutete. Zwischen Kriegsende und 1961 verließen 4,7 Millionen Menschen den östlichen Teil Deutschlands; allein 1960/61 waren es 400.000. Viele gehörten zur Elite des Landes. Kollabiert die DDR, so die Befürchtung Moskaus, kann auch der ganze Ostblock kollabieren. Die offene Grenze in Berlin musste verschwinden. Sei es, dass West-Berlin von der DDR eingenommen oder als „freie Stadt“ von der Bundesrepublik abgetrennt, sei es, dass Ost-Berlin abgeriegelt würde.

Als Kennedy 1961 Präsident wurde, war Berlin daher der gefährlichste Ort der Welt, der mögliche Detonator eines weiteren Weltkriegs. Der neue Präsident stand für die verstärkte Systemkonkurrenz zwischen Kapitalismus und Sozialismus, den Rüstungswettlauf, die militärische Unterstützung von Amerikas Verbündeten und Klienten, etwa in Südvietnam, und die Konkurrenz im Weltraum. Gleichzeitig wollte er um fast jeden Preis einen Atomkrieg verhindern. Während seine Administration rhetorisch nach wie vor die deutsche Einheit unterstützte und jeder Änderung des Status Quo in Berlin ablehnte, machte Kennedy im Kreis seiner Berater seiner Frustration über die verfahrene Situation Luft: „Wir kommen aus dieser absurden Situation nicht heraus. Es erscheint dumm, vor einem Atomkrieg zu stehen wegen eines Vertrags, der Berlin als zukünftige Hauptstadt eines vereinten Deutschlands vorsieht, obwohl wir alle wissen, daß Deutschland wahrscheinlich nie wiedervereinigt wird.

Für die Probleme seines Gegenübers, des sowjetischen Partei- und Regierungschefs Nikita Chruschtschow, hatte Kennedy mehr Verständnis als für die Probleme Adenauers, der um den Preis des politischen Überlebens weder zugeben durfte, dass die „Ostgebiete“ jenseits von Oder und Neiße verloren waren, noch dass die deutsche Einheit allenfalls ein ferner Traum war. Anfang August 1961 erläuterte Kennedy im Gespräch mit seinem Berater Walt Rostow seine Haltung: „Chruschtschow ist dabei, Ostdeutschland zu verlieren. Das kann er nicht zulassen. Wenn Ostdeutschland verloren geht, folgt Polen, dann ganz Osteuropa. Er wird etwas tun müssen, um den Flüchtlingsstrom zu stoppen. Vielleicht eine Mauer. Und wir werden das nicht verhindern können. Ich kann das Bündnis zusammenhalten, um West-Berlin zu verteidigen, aber ich kann nichts tun, um Ost-Berlin offen zu halten.“        

Mit anderen Worten: Die Einheit Berlins stand für den Präsidenten der USA zur Disposition, wenn die Rechte der West-Alliierten im Westteil der Stadt respektiert würden. Dies hatte er Chruschtschow bei einem Treffen in Wien Anfang Juni 1961 mitgeteilt – nicht jedoch der deutschen Regierung. Als am 13. August 1961 Einheiten der DDR-Volksarmee und der SED-Be­triebskampfgruppen Stacheldrahtsperren entlang der Grenze zum sowjetischen Sektor Berlins errichteten, reagierte Kennedy daher gelassen. In der Nacht des Mauerbaus erholte sich der Präsident im Familiensitz Hyannis Port und brach seinen Urlaub auch nicht wegen Berlin ab. „Warum sollte Chruschtschow eine Mauer errichten, wenn er wirklich West-Berlin einnehmen wollte? Dies ist sein Ausweg aus seinem Dilemma. Es ist keine besonders schöne Lösung, aber verdammt noch mal: a wall is better than a war.“

Diese Einschätzung wurde vom britischen Premier Harold MacMillan geteilt – und wohl insgeheim auch von Adenauer, der gerade seine Kanzlerschaft im Wahlkampf gegen den West-Berliner Regierenden Bürgermeister Willy Brandt verteidigte und nicht daran dachte, ihn abzubrechen, um Solidarität mit den Berlinern zu demonstrieren. Einen Tag nach dem Mauerbau griff der Bundeskanzler in Regensburg sogar seinen Herausforderer in Anspielung auf dessen uneheliche Geburt und Emigration während der Nazizeit als „Herr Brandt alias Frahm“ an. Brandt war über die Untätigkeit der Regierungen in Washington und Bonn empört. Unterstützt wurde er von den Zeitungen des Axel-Springer-Konzerns. Am 16. August 1961 erschien die „Bild“-Zeitung mit der zutreffenden Schlagzeile: „Der Westen tut NICHTS! Präsident Kennedy schweigt… MacMillan geht auf die Jagd… und Adenauer schimpft auf Willy Brandt“.

Adenauer zwischen Kennedy und de Gaulle

Was allerdings Adenauer beunruhigte, war nicht so sehr der Bau der Mauer an sich, als vielmehr die Verständigung zwischen Kennedy und Chruschtschow über seinen Kopf hinweg. Zwar dürfte der Kanzler erkannt haben, dass die Entschärfung der explosiven Situation in Berlin letztlich der Entspannung in Europa diente. Doch zeigte die Hinnahme des Mauerbaus durch die USA, dass Kennedys Bekenntnisse zur Wiedervereinigung und zur deutsch-amerikanischen Freundschaft ihre Grenze in den nationalen Interessen der USA und vor allem in Kennedys strategischem Ziel hatten, zu einem entspannteren Modus Vivendi mit der Sowjetunion zu kommen.

Bei dieser Strategie erschienen die Ansprüche der Bundesregierung zunehmend als Störfaktor. „Die Westdeutschen hätten es gern, wenn wir die Russen aus Ostdeutschland verjagen“, murrte der Präsident. Gleich zu Beginn seiner Amtszeit zog Kennedy die Zusage seines Vorgängers Dwight D. Eisenhower zurück, der Bundesrepublik Atomwaffen zu geben oder ihr ein Mitsprachrecht bei deren Einsatz einzuräumen. Gleichzeitig klagte er, „daß wir Riesensummen für die Verteidigung Westeuropas und besonders Westdeutschlands ausgeben, während Westdeutschland zur dynamischsten Industriemacht der Welt avanciert“ und die USA unter einem Zahlungsdefizit litten. Die Klage, Deutschland tue nicht genug für die eigene Verteidigung, ist also nicht neu.

Kein Jahr nach dem Mauerbau, im April 1962, legte die Kennedy-Administration ihren Verbündeten ein zunächst geheim gehaltenes Positionspapier zu Verhandlungen mit der Sowjetunion vor. Zentraler Punkt war eine Übereinkunft der Supermächte, keinem der beiden deutschen Staaten den Besitz von Atomwaffen zu gestatten und keine gewaltsame Veränderung der bestehenden Grenzen – einschließlich der Oder-Neiße-Linie – anzustreben oder zuzulassen. Die freie Zufahrt zwischen der Bundesrepublik und West-Berlin sollte durch eine internationale Behörde geregelt werden, in der auch beide deutsche Staaten Sitz und Stimme gehabt hätten.

Für Adenauer war die amerikanische Position aus mehreren Gründen unakzeptabel. Sie degradierte die Bundesrepublik im Verhältnis zu den Mittelmächten Großbritannien und Frankreich zum Verbündeten zweiter Klasse. Denn Großbritannien besaß schon eigene Atomwaffen, und Frankreich arbeitete seit 1958 an der nuklearen „Force de Frappe“. Kennedys Positionspapier bedeutete die faktische Anerkennung der von der Bundesrepublik nicht akzeptierten Ostgrenze zu Polen.  Und es wertete die ebenfalls von der Bundesrepublik nicht anerkannte „sogenannte DDR“ durch die Mitgliedschaft in einer internationalen Behörde diplomatisch auf. Am 14. Mai 1962 sorgte der Bundeskanzler durch eine gezielte Indiskretion dafür, dass die amerikanische Verhandlungsposition in den deutschen Medien bekannt wurde. Es folgte ein Sturm der Entrüstung. Die geplanten Verhandlungen mit der Sowjetunion wurden infolge der „Leckkrise“ abgeblasen. Den taktischen Erfolg erkaufte Adenauer jedoch durch eine Verärgerung der Kennedy-Administration; und aufgeschoben bedeutete ja nicht aufgehoben. Gegenüber dem Kanzleramtsminister Hans Globke meinte Adenauer resigniert: „Bleibt nur der Block Frankreich und Deutschland.“

Frankreichs Präsident Charles de Gaulle hatte nämlich den Schock und die Bitternis der Deutschen wegen der Beharrung der USA auf ihrem Atommonopol und der Hinnahme des Mauerbaus durch Kennedy benutzt, um Teile der CDU/CSU und der deutschen Öffentlichkeit für seine Vision eines atomar bewaffneten, von den „Angelsachsen“ unabhängigen europäischen Blocks unter Führung Frankreichs zu gewinnen.  Der bereits vor Kennedys Amtsantritt begonnene Rückzug der Franzosen aus den gemeinsamen militärischen Kommandostrukturen der NATO wurde beschleunigt, und als de Gaulle am 14. Januar 1963 sein Veto gegen den britischen Antrag auf Mitgliedschaft in der EWG verkündete, begründete der General sein „Non“ explizit mit Großbritanniens Nähe zu den USA. Aus dem kontinentalen Block der sechs Gründungsmitglieder – Frankreich, Italien, Deutschland und den Benelux-Staaten – würde, so de Gaulle, nach einem britischen Beitritt zur EWG „eine kolossale atlantische Gemeinschaft, abhängig und geführt von Amerika“.

„Ich bin ein Berliner“

Eine Autoparade zieht an vielen jubelnden Menschen vorbei. Im mittleren, offenen Auto sitzen John F. Kennedy und Konrad Adenauer.
John F. Kennedy und Konrad Adenauer in Berlin am 26. Juni 1963.
Bundesarchiv, B 145 Bild-F015843-0016 / Schmitt, Walter / CC-BY-SA 3.0 [CC BY-SA 3.0 de https://creativecommons.org/licenses/by-sa/3.0/de/deed.en
Kennedy und Adenauer stehen sich gegenüber und unterhalten sich.
Konrad Adenauer und John F. Kennedy am 26. Juni 1963 im Rathaus Schöneberg.
Landesarchiv Berlin/Fotograf: Bert Sass, F Rep. 290 Nr. 0090015

Es waren vor allem die gaullistischen Tendenzen in der Bundesrepublik, die Kennedy bewegten, zwei Jahre nach dem Mauerbau – aber eben erst zwei Jahre danach! – eine Reise nach Deutschland zu unternehmen. Die Demonstration seiner Popularität sollte der westdeutschen politischen Klasse und den Medien klarmachen, dass eine antiamerikanische Politik keinen Rückhalt in der Bevölkerung hätte. In der Frankfurter Paulskirche forderte Kennedy, Europa müsse „eine Weltmacht“ werden, die „als gleichberechtigter Partner der USA die Weltprobleme anpackt.“ Was oberflächlich nach Gaullismus klang, die Vorstellung einer Weltmacht Europa, war in Wirklichkeit eine Absage an de Gaulle. Nur mit der Industrie- und Atommacht Großbritannien, nur als Teil jener vom General verabscheuten „kolossalen transatlantischen Gemeinschaft“, könnte die EWG hoffen, sich zur Weltmacht zu mausern.

In West-Berlin erlebte Kennedy am 26. Juni 1963 einen Triumph. Mit Adenauer und Willy Brandt fuhr er im offenen Wagen durch die Stadt. Überall wurde er wie ein Pop- oder Filmstar von jubelnden Menschen empfangen. In seiner Rede vor dem Schöneberger Rathaus, die in dem berühmten auf Deutsch gesprochenen Satz „Ich bin ein Berliner!“ – in der phonetischen Transkription des sprachunbegabten Kennedy: „Ish bin ine Bear-LEAN-er“ – gipfelte, schien Kennedy jedes Arrangement mit den Kommunisten auszuschließen. Wer behauptet, man könne mit dem Kommunismus zusammenarbeiten, solle nach Berlin kommen, rief er aus, auch das übrigens auf Deutsch: „Lasst sie nach Berlin kommen!“

Anschließend jedoch sprach er vor den – damals militant antikommunistischen – Studenten der Freien Universität und entwarf die Perspektive einer neuen Ostpolitik auf der Basis eben jener Kooperation, die er vor dem Schöneberger Rathaus als unmöglich bezeichnet hatte: „Wenn wir für die Zukunft dieser Stadt arbeiten wollen, dann lassen Sie uns mit den Gege­benheiten fertig werden, so wie sie wirklich sind, und nicht so, wie wir uns wünschen, daß sie gewesen wären.“ Es sei „wichtig für die Menschen, die in der Beengtheit östlich von uns leben, daß die Verbindung mit der westlichen Gesellschaft aufrechterhalten wird mit Hilfe aller erreichbaren Berüh­rungspunkte und Kontaktmöglichkeiten und durch ein Höchstmaß an Handelsbeziehungen, soweit es unsere Sicherheit erlaubt. Wir können Ent­spannung suchen, ohne unsere Wachsamkeit zu lockern.“

Kennedy erzielte mit seinem Besuch in Deutschland genau die erwünschte Wirkung. Zwar murrte Adenauer angesichts des frenetischen Jubels, so etwas mache ihm Angst, weil es ihn an die Begeisterung für Hitler erinnere. Aber die Option, die „französische Karte“ gegen die USA auszuspielen, wurde im Kanzleramt stillschweigend fallengelassen. Willy Brandt wiederum entwickelte zusammen mit seinem Sprecher Egon Bahr auf der Basis der Ideen, die Kennedy in der Freien Universität dargelegt hatte, seine Neue Ostpolitik des „Wandels durch Annäherung“.

Besuch John F. Kennedys in der Bundesrepublik Deutschland 1963.

UFA-Wochenschau 361/1963, 28.06.1963

Quelle: Bundesarchiv, Bestand Film: F 001711

Ende einer Ära

Neben dem jugendlich wirkenden Kennedy erschien der 87-jährige Adenauer bei der Fahrt durch West-Berlin tatsächlich wie der Repräsentant nicht nur einer anderen Generation, sondern einer anderen Welt. Keine vier Monate nach Kennedys Besuch in Deutschland trat Adenauer als Bundeskanzler zurück.

Zwar war auch die Bundesrepublik 1963 noch ein stockkonservatives Land. Doch kündigte sich in der Begeisterung für Kennedy ein Wechsel an, befördert durch die Entschärfung der Blockkonfrontation. 1962 hatte die Kubakrise die Welt noch einmal an den Abgrund eines Atomkriegs geführt. Jedoch hatten Kennedy und Chruschtschow auch hier – wie beim Mauerbau – durch eine Verständigung hinter den Kulissen die Gefahr gebannt. Die geburtenstarken Jahrgänge der Nachkriegszeit hatten wenig Lust, sich für den Kalten Krieg einspannen zu lassen. Jenseits des Ärmelkanals feierten die Beatles 1963 ihre ersten Erfolge. Langhaarige Jungen, schreiende Mädchen, die Verwischung von Schwarz und Weiß, E- und U-Musik: Es kündigte sich eine kulturelle Revolution an, die bis heute anhält: eine andere Welt.

Kennedy wiederum wurde bei seiner Rückkehr in die USA von der Bürgerrechtsbewegung bedrängt. Zwei Monate nach seinem Deutschlandbesuch kamen 200.000 Menschen nach Washington, um gegen Rassentrennung und Rassendiskriminierung – und die Untätigkeit der Regierung – zu protestieren. Kennedys Gesetzgebung gegen die Rassendiskriminierung wurde aber im Kongress geblockt, und zwar von Mitgliedern seiner eigenen Demokratischen Partei, die damals noch in den Südstaaten gerade wegen ihrer Befürwortung der rassistischen „Jim-Crow“-Gesetze und der Segregation herrschten. Darum wollte der Präsident wie in Deutschland die Macht seiner Popularität einsetzen, um seine Widersacher unter Druck zu setzen. Im November 1963 unternahm er eine Wahlkampfreise nach Texas. Am 22. November wurde John F. Kennedy in Dallas erschossen.


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Dallek, Robert: John F. Kennedy. Ein unvollendetes Leben, München 2003.

Gaddis, John Lewis: Der Kalte Krieg. Eine neue Geschichte, Berlin 2007.

Karner, Stefan et al. (Hg): Der Wiener Gipfel 1961. Kennedy – Chruschtschow, Innsbruck 2011.

Kempe, Frederick: Berlin 1961: Kennedy, Chruschtschow und der gefährlichste Ort der Welt, Berlin 2011.

Kennedy, John F.: Papers. Online recherchierbar unter: https://www.jfklibrary.org/asset-viewer/archives/JFKPOF

Lasky, Victor: JFK. The Man and the Myth, New York 1963.

Münger, Christian: Kennedy, die Berliner Mauer und die Kubakrise. Die westliche Allianz in der Zerreißprobe 1961–1963, Paderborn 2003.

Posener, Alan: John F. Kennedy, Reinbek 2013.

Prowe, Diethelm: Der Brief Kennedys an Brandt vom 18. August 1961 – eine zentrale Quelle zur Berliner Mauer und der Entstehung der Brandtschen Ostpolitik, in: Vierteljahreshefte für Zeitgeschichte 33 (2) 1985. Online abrufbar unter: https://www.ifz-muenchen.de/heftarchiv/1985_2_6_prowe.pdf

Schwarz, Hans-Peter: Adenauer. Der Staatsmann, Stuttgart 1991.

Sorensen, Theodore: Kennedy, München 1965.

Alan Posener